Tom Moak
09.05.2009, 22:29 |
Diese Geschichte qualmt noch |
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9. Mai 2009
Wem gehört die friedliche Revolution?
Das Jubiläumsjahr wirft Schatten –
zwei Veranstaltungen zur Vor- und Nachgeschichte des Mauerfalls
Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR blickt in
Berlin eine Ausstellung dort auf die Ereignisse zurück, wo
sie stattgefunden hatten: auf der Strasse, genauer auf dem
Alexanderplatz.
Joachim Güntner
Noch im September und Oktober, bei den ersten Montagsdemonstrationen in Leipzig und dann auch noch bei dem Massenprotest in Plauen, wo am 7. Oktober 1989 fünfzehntausend Bürger auf die Strasse gingen, hatte die DDR-Staatsmacht mit Repression reagiert, den Knüppel gezückt und Protestler verhaftet. Der Folgemonat aber sah den SED-Staat bereits in Agonie. Am 4. November 1989 erlebte Ostberlin die grösste freie, nicht von oben gelenkte Demonstration der Nachkriegsgeschichte. Eine halbe Million Menschen versammelte sich auf dem Alexanderplatz.
Doch was tat die Obrigkeit? Sie schickte, wiewohl einige ihrer Vertreter mit einer «chinesischen Lösung» liebäugelten, keine Panzer an die von Künstlerverbänden organisierte Kundgebung, sondern eigene Redner (die ausgepfiffen wurden). Und sie liess das Fernsehen live Bericht erstatten. Stundenlang flutete nun also Regimekritik die Stuben der Bevölkerung, die Dauersendungen solcher Art bis dahin nur von Feiertags-Paraden kannte.
Staatsfunk und Politbüro übten sich in Zerknirschung. Der Autoritarismus wankte. Fünf Tage darauf fiel die Mauer.
Schau mit breitem Panorama
Wie Deutschland ein Land ist, das sich nur mühsam an plebiszitäre Mittel wie Volksbegehren und Volksabstimmung gewöhnt, so hat es auch lange Zeit seine Schwierigkeiten mit dem Recht der Versammlung unter freiem Himmel gehabt.
Man liebt die Strasse zum Autofahren, aber nicht als politischen Raum. Von der «Macht der Strasse» zu reden, ist geradezu ein Stigma. Furchterregende Visionen von Randale und hilfloser Polizei lassen sich damit aufrufen. Die friedliche Revolution in der DDR hat, zumal durch ihren Gewaltverzicht, die Strasse in ihrer politischen Funktion als Raum und Macht rehabilitiert. Man darf daher die Robert-Havemann-Gesellschaft dazu beglückwünschen, dass sie ihre am Donnerstag eröffnete Schau «Friedliche Revolution 1989/90» als Open-Air-Ausstellung auf dem Alexanderplatz präsentiert.
Das sind die passende Form und der richtige Ort.
Als eine Chronik des anschwellenden Unmuts und lauter werdenden Protestes ist die Schau nicht auf den Zenit der Revolte fixiert, sondern erstreckt sich über anderthalb Jahre. Grosse Stellwände mit Fotos, mit integrierten multimedialen Stationen und Vitrinen nehmen eine thematische Einteilung vor. Polens Vorreiterrolle und sein Vermächtnis der «runden Tische» sowie Gorbatschews Ermunterung zu Reformen erfahren eine Würdigung. Die zarten Keime des Protestes in den Jugend- und Subkulturen der DDR, die Arbeit der Umweltgruppen, die Gründung von Bürgervereinigungen, ihre Appelle und Flugschriften geraten in den Blick. Eine Wand ist den Ausreisen gewidmet, die den SED-Staat zur Ader liessen, den mit Koffern bepackten Abwanderern und den Zügen, die, mit Flüchtlingen gefüllt, plombiert von Prag her durch die DDR rollten. Aus Lautsprechern erschallen die Protestparolen «Stasi raus!» oder «Wir sind das Volk!» und geben den grossformatigen Fotos von den Demonstrationen das akustische Geleit.
Fernsehaufzeichnungen lassen das Damals lebendig werden. Indem die Schau über das Jubelereignis Mauerfall weit hinausgeht, bietet sie Gelegenheit zu einem komplexen Erinnern.
Wolf Biermann, der an der Eröffnung der Ausstellung den Reden der politischen Prominenz einen erfrischenden «Zwischenruf» folgen liess, warnte vor der Illusion, welche die Fotos von den Massendemonstrationen erzeugten: als sei die Opposition stets überaus zahlreich gewesen. «Wenn eine Diktatur stürzt, wimmelt es von Helden.» Ausstellungsmacher Tom Sello formulierte: «Es waren erst Tausende, dann Zehntausende, aber Millionen blieben in Deckung.» War das ein Vorwurf an die Adresse der Bevölkerungsmehrheit?
Wenn nicht dies, so doch ein Hinweis darauf, dass wir es bei der friedlichen Revolution mit einem Bären zu tun haben, um dessen Fell im Jubiläumsjahr 2009 noch gestritten wird.
Deutlich wurde dies an einer Veranstaltung der deutschen Regierung, die sich dem Vorabend der Revolution ausgerechnet in dem Gebäude widmete, worin einst der Staatsratsvorsitzende der DDR seinen Sitz gehabt hatte. Wem, so die nie laut ausgesprochene, untergründig aber permanent traktierte Frage, gebühren die Meriten des Wandels?
Den Bürgerrechtlern, wie diese selbst und auch viele Schwergewichte der politischen Klasse meinen?
Oder den osteuropäischen Nachbarn, die den Staatssozialismus in die Krise stürzten und so erst die Möglichkeit für erfolgreichen Protest und die anschliessende deutsche Einheit schufen?
Der konservative Widerspruch gegen diese Auffassung, in Berlin vorgetragen von Arnold Vaatz, einst Mitglied der Oppositionsgruppe «Neues Forum», heute bei der CDU, lautet: Die Änderung der Verhältnisse auf die DDR-Oppositionellen zurückführen zu wollen, führt in die Irre. Auch komme der Änderung der politischen Grosswetterlage nur relative Bedeutung zu. Tatsächlich hätten jene, «die um jeden Preis die DDR verlassen wollten, am stärksten den Zug zur Einheit befördert».
Die Ausgereisten und Ausreisewilligen – vier Millionen haben zu DDR-Zeiten einen Ausreiseantrag gestellt – sind für Vaatz die wahren Helden, denn als ihr Motiv, in die Bonner Republik hinüberzuwechseln, lässt er nur das lauterste gelten: das unbedingte Verlangen nach Freiheit und nichts «als bloss Freiheit».
Ganz so leichthändig mag Stephan Hilsberg, der aus der kirchlichen Friedensbewegung kommt und jetzt bei der SPD ist, die Bürgerrechtler nicht abservieren. Er hielt fest: «Ohne solche Leute, die, was sie Gefängnis kosten konnte, den Buckel hinhielten und Protest wagten, braucht über politische Veränderung gar nicht geredet werden.»
Diese Geschichte qualmt noch
Die DDR gilt unter Historikern mittlerweile als «abgeschlossenes Sammelgebiet», und die wissenschaftliche Aufarbeitung der Vergangenheit ist nach einhelligem Urteil auf gutem Wege. Aber wie steht es um die Wirkung dieser Aufarbeitung? Schüler, die den Unterschied zwischen Demokratie und Diktatur nicht nennen können; autoritäre Lehrer alten Schlags; ostalgische Eltern – die Prägungen sitzen tief.
Reif fürs Museum ist diese Geschichte noch lange nicht.
Quelle: http://www.nzz.ch
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Tom Moak
09.05.2009, 23:21
@ Tom Moak
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"Als ob die Zeit stehengeblieben wäre" |
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FOTOSTRECKE
Friedlichen Revolution
"Als ob die Zeit stehengeblieben wäre"
Die Ausstellung zur Friedlichen Revolution am
Alexanderplatz kommt beim Publikum gut an.
Unter freiem Himmel fühlt es sich 20 Jahre zurückversetzt.
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Ein Vogel für die Vopos. Manche Besucher schauen auf dem Weg zur Arbeit am Alexanderplatz
vorbei, andere kommen extra für die Ausstellung. -
Foto: Davids
9.5.2009 0:00 Uhr
Lothar Heinke
Plötzlich sind sie wieder da, diese unruhigen Zeiten mit ihren Gerüchten und sensationellen Nachrichten, diese verschlungenen Wege zu den neuen Ufern – wer seine innere Uhr zwanzig Jahre zurückdrehen möchte, der gehe zum Alexanderplatz. Dort findet der Ausbruch der Krise des sozialistischen Lagers, der Umbruch in der DDR und der Aufbruch in eine neue Welt noch einmal statt. Fotos, Dokumente und Filme erzählen, wie vor 20 Jahren der Mauerbeton erweicht wurde. Erst ganz sacht, mit ein paar Mutigen in Hinterzimmern und an Vervielfältigungsapparaten, dann immer stärker, unter den Dächern der Kirchen, in Konzertsälen, und schließlich auf Straßen und Plätzen, übermächtig und unüberhörbar.
„Wir sind das Volk!“ dröhnt es aus den Lautsprechern, „Stasi raus!“ im Staccato und immer wieder „Frei-heit! Frei-heit!“. Die Stimme des Volkes übertönt den Lärm des Verkehrs auf Berlins belebtestem Platz, sie wirkt wie eine lautstarke Einladung, der das Publikum, neugierig geworden, in Scharen in diese Freilichtausstellung der Robert-Havemann-Gesellschaft und der Kulturprojekte GmbH. folgt. „Das alles haben wir erlebt, und es ist noch gar nicht lange her“, sagt ein Mann in der staunenden Menge, „als ob die Zeit stehen geblieben wäre.“
Tatsächlich ist ein großer Teil des Alex zu einer riesigen Zeitkonserve geworden. Wir sehen nicht nur die bekannten, so oft schon gedruckten triumphierenden Bilder vom Sieg der Kerzenhalter über die Kalaschnikows, sondern eine Fülle an Dokumenten, Stasi-Berichten, Protokollen und Protestbriefen in dieser Chronologie einer sanften, friedlichen Revolution, die – ganz am Ende der Schau, fast schon auf den Gleisen der Straßenbahn – mit Bildern von den Feiern zur deutschen Einheit endet.
Man muss sich Zeit lassen. „Das ist ja hier wie mit den Gedanken rückwärts spazieren gehen“ sagt eine Frau, die „das alles“ miterlebt hat. Für sie frischen die 700 Bilder historische Tatbestände auf, „mit vielen Einzelheiten, die man so noch nicht kannte“. Junge Leute erleben eine Geschichtsstunde Open Air. Und die Touristen, die erst einmal nach der Mauer fragen, sehen am Ende der Schau, wie das Monstrum, das sie suchen, vor fast 20 Jahren weggehackt und um die Ecke gebracht wurde.
„Eine sehr interessante Zusammenstellung“ findet eine junge Frau, die mit ihrem Mikrofon Originaltöne von Zeitzeugen für ihren spanischen Radiosender in Lissabon sammelt. „Viele, die damals dabei waren, kommen her und erzählen ihre Erlebnisse vor und nach der Wende“, sagt Johannes Mundo, „die Zustimmung zur Ausstellung ist groß“. Das freut den jungen Mann im weißen Overall, der den Besuchern Einzelheiten berichtet, zum Beispiel zum Kampf David gegen Goliath, Umwelt-Bibliothek gegen Staatssicherheit.
Viele Faktoren – auch der offene Protest gegen die Fälschung der Wahlergebnisse vom 7. Mai 1989 und eine nicht mehr zu zähmende Ausreisewelle – führen geradewegs in die Revolution. Die einen rufen: Wir wollen raus! Andere antworten: Wir bleiben hier! Alles kulminiert am 7. Oktober.
Die Oberen feiern, das Volk protestiert. Zwei Tage später steht alles in Leipzig auf Messers Schneide – eine Videokamera ist ausgestellt, mit der zwei mutige Berliner von den Dächern der Messestadt die Demonstration filmen und dafür sorgen, dass die Bilder um die Welt gehen. Das System bröckelt, die Angst spielt nicht mehr mit. Am 4. November klatschen 500 000 hier auf dem Alex Beifall. Jens Reich vom Neuen Forum sagte gerade: „Wir haben die Sprache wiedergefunden und die Welt kennt seitdem dieses verschlafene Land nicht wieder.“
Lothar Heinke
Heute und morgen von 13 bis 21 Uhr zu jeder vollen Stunde Lesemarathon.
Open-Air-Kino: Sonnabend, 21 Uhr, „Sonnenallee“, Sonntag, 21 Uhr, „Solo Sunny“.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.05.2009)
Quelle: http://www.tagesspiegel.de
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Tom Moak
10.05.2009, 20:55
@ Tom Moak
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Kostprobe: Willy Brandt war Generalsekretär der SED. |
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KULTUR HEUTE
09.05.2009 · 17:30 Uhr
Nachdenken über die friedliche Revolution
Jubiläumsveranstaltung "Vor 20 Jahren" in Berlin
Von Margarete Limberg
Das Wissen über die DDR bei der jüngeren Generation
ist nach wie vor erschreckend lückenhaft, Kostprobe:
Willy Brandt war Generalsekretär der SED.
Dagegen ist die Aufarbeitung des SED-Unrechts relativ gut gediehen.
Licht und Schatten also als Fazit der Jubiläumsfeier "Vor 20 Jahren".
Wie steht es um die Aufarbeitung des DDR-Regimes, und wie ist
es um die Vermittlung der gewonnenen Erkenntnisse bestellt ?
Neben der stolzen Rückschau von Politikern und Zeitzeugen auf die
friedliche Revolution 1989 standen diese Fragen im Mittelpunkt
der Jubiläumsfeier. Und sie wurden sehr gegensätzlich beantwortet.
Bei der historischen Aufarbeitung der SED-Diktatur sei man auf gutem Wege, lautete das einhellige Urteil einer Expertenrunde. Umso mehr hapert es bei dem Bemühen, die sehr gründlichen Kenntnisse über fast alle Aspekte der Politik und des Lebens in der DDR einer breiteren Bevölkerung zu vermitteln. Dass ein erschreckend hoher Prozentsatz der Jugendlichen Willy Brandt für einen Generalsekretär der SED hält , ist nur ein Indiz. Der Leiter des Forschungsverbundes SED - Staat an der FU - Berlin, Prof. Klaus Schröder:
Die jüngsten Auseinandersetzungen über die Frage, ob die DDR ohne Wenn und Aber als Unrechtsstaat beschrieben werden muss oder ob es zu rechtfertigen ist, auch mutmaßlich gute Seiten herauszuklauben, spiegelten sich auch in den Diskussionen der Berliner Veranstaltung wider. Ohne klare Wertmaßstäbe gehe es nicht, meinte Prof. Schröder.
Der Historiker Christoph Klessmann riet zur Zurückhaltung:
Eine, die sich ständig mit der Frage konfrontiert sieht, wie und mit welchem Ziel das Wissen über die DDR weitergegeben wird, ist die Leiterin der Stasi - Unterlagenbehörde, Marianne Birthler:
Liegt der Schwerpunkt bei der Beschäftigung mit dem SED-Regime , wie manche kritisieren, zu einseitig bei der Staatssicherheit ? Marianne Birthler weist diesen Vorwurf zurück. Zunächst einmal sei es doch ganz selbstverständlich gewesen, dass die Menschen wissen wollten, wer sie verraten hat. Außerdem sei die DDR ohne die Stasi nicht zu verstehen, und die Akten außerdem eine unverzichtbare historische Quelle. Aber auch Marianne Birthler sieht die Notwendigkeit, den Blick auf das, wie sie sagt, Verführerische des Systems zu erweitern, das neben der Angst und der sowjetischen Präsenz das Überleben der DDR so lange sicherte.
Wie schwierig es ist, gegen liebgewordene Legenden anzugehen, erleben die Erforscher des DDR-Alltags immer wieder. Über die Frage, ob es jenseits der Angst andere Bindungskräfte gab, wie die auf niedrigem Niveau vorhandene soziale Sicherheit oder vor allem in den ersten Jahren den antifaschistischen Impetus, gingen die Meinungen jedoch auseinander. Von Gewöhnung an die Ohnmacht sprach Birthler-Vorgänger Joachim Gauck. Und rechnete auf seine Weise mit den Nostalgikern ab:
Gegen die Nostalgiker haben es die demokratischen Aufklärer
auch 20 Jahre nach der historischen Wende von 1989 schwer.
Für viele ist die Erinnerung an die Angst machenden Wirklichkeit der DDR-Diktatur angesichts der Angst vor dem Absturz nach ganz unten in Zeiten der Krise verblasst oder ganz verschwunden. Und auf die Schulen als Korrektiv kann man sich offenbar nicht verlassen.
Noch einmal Marianne Birthler:
Bei allen unbestrittenen Leistungen der Aufarbeitung der DDR - Geschichte ist das 20 Jahre nach der friedlichen Revolution eine erschreckende Bilanz. Dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse und ihre Vermittlung im Dienst der Demokratieerziehung so weit auseinanderklaffen, lässt eine große Ratlosigkeit zurück.
© 2009 Deutschlandradio
Vor 20 Jahren - Veranstaltung zur friedl. Revolution 1989
Sendezeit: 09.05.2009 17:49
Autor: Margarete Limberg
Programm: Deutschlandfunk
Sendung: Kultur heute
Länge: 03:40 Minuten
Text zum Beitrag: Nachdenken über die friedliche Revolution
. . . hier der Hörbeitrag
Quelle: http://www.dradio.de
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Tom Moak
11.05.2009, 00:09
@ Tom Moak
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15 Millionen für Gedenkstätten |
![[image]](http://www.tlz.de/tlz.kopf.gif)
Montag, den 11. Mai 2009
15 Millionen für Gedenkstätten
Erfurt. (tlz/mar) Die Gedenkstätten, die in Thüringen an die SED-Herrschaft
und an die deutsche Teilung erinnern, können mit einem kräftigen Geldsegen
rechnen. 15 bis 20 Millionen Euro schätzungsweise wird für ihre Arbeit in den
nächsten Jahren zusätzlich zur Verfügung stehen.
Das Geld stammt aus dem früheren SED-Vermögen, das
jetzt an die Länder in Ostdeutschland aufgeteilt wird.
Nur Mecklenburg-Vorpommern wird nach Informationen des
SPD-Landtagsabgeordneten Hans-Jürgen Döring dabei
leer ausgehen.
Das nördliche Bundesland habe nach der Wende ausreichend
Immobilienbesitz der SED an der Ostseeküste zur Verfügung
gestellt bekommen, heißt es.
Dass das Geld in Thüringen zweckgebunden für die
Gedenkstättenarbeit verwendet wird, geht auf einen
Initiativantrag Hans-Jürgen Dörings MdL im Landtag
zurück.
Unterstützt werden soll mit dem Geld Bildungsarbeit, die
sich um die Weiterentwicklung der Demokratie bemüht.
Der Beschluss im Plenum erfolgte mit den Stimmen aller Fraktionen.
Kultusminister Bernward Müller rief die Schulen auf,
verstärkt Gedenkstätten in Thüringen zu besuchen.
Quelle: http://www.tlz.de
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Tom Moak
11.05.2009, 00:59
@ Tom Moak
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Emotionales Denkmal gegen Ostalgie und DDR-Verklärung |
![[image]](http://img.badische-zeitung.de/layouts/images/logo.jpg)
Emotionales Denkmal gegen Ostalgie und DDR-Verklärung
Auf Visite am Alex: der Fall der Mauer |
Foto: dpa
Ein Verkehrsknotenpunkt, ohne architektonischen Reiz. Doch genau dort, mitten auf dem Alexanderplatz, ist derzeit die zentrale Ausstellung des Berliner Themenjahres "20 Jahre Mauerfall" zu sehen. "Friedliche Revolution 1989/90" ist ein Projekt der 1990 gegründeten, nach dem DDR-Regimekritiker benannten Robert-Havemann-Gesellschaft. Das Material stammt aus ihrem "Archiv der DDR-Opposition" – nach eigenen Angaben die größte nichtstaatliche Sammlung der Selbstzeugnisse von Opposition, Widerstand und Bürgerrechtsbewegung gegen das SED-Regime.
Und wie deren Akteure suchen auch die Veranstalter von "Friedliche Revolution 1989/90" die Öffentlichkeit. Dort, wo die Kundgebungen am 7. Mai 1989 begannen, ausgelöst durch die aufgedeckte Fälschung der Kommunalwahlen. Dort, wo am 4. November 1989 die größte Demonstration in der Geschichte der DDR stattfand. Es sind vor allem großflächige Schwarzweiß- und Farbbilder von emotionaler Kraft, die daran erinnern. Besonders eindrucksvoll sind die Gesichter der Akteure der friedlichen Revolution, aber auch die ihrer Gegenspieler, weil sie so viel über deren Gefühlslage verraten: Die andächtige Ruhe der jungen Frau, die bei einer Mahnwache eine Kerze anzündet.
Das pure Entsetzen des verletzten Demonstranten, die linke Gesichtshälfte blutüberströmt. Die grimmige Entschlossenheit des Mannes, der den Sicherheitskräften den Vogel zeigt. Die überschäumende Freude derer, die soeben die Grenze überschritten haben. Die angespannte Konzentration der Diskussionsteilnehmer am zentralen runden Tisch.
Der fröhliche Jubel einer Frau über den ersten 100-DM-Schein. Die tiefe Resignation von SED-Mitgliedern, mit verschränkten Armen und hängenden Köpfen. Die Fassungslosigkeit Oppositioneller nach der ersten Einsicht in Stasi-Akten. Und schließlich die Zufriedenheit im Gesicht der alten Dame, die den Umschlag bei der Wahl zum ersten gesamtdeutschen Bundestag in die Urne steckt.
Auf fünf Stellwänden, strahlenförmig angeordnet, zweieinhalb Meter hoch und jeweils etwa 40 Meter lang, sind mehr als 700 Fotos und Dokumente verteilt. Einige Ausstellungsstücke sind in kleinen Vitrinen zu sehen, darunter Flugblätter, Zeitschriften und eine Druckmaschine. Dazu gibt es mehrere Monitore mit kurzen Filmsequenzen sowie Lautsprecher, aus denen historische Tonaufnahmen einen lebendigen Eindruck von der friedlichen Revolution vermitteln.
Inhaltlich ist die Ausstellung in drei Abschnitte gegliedert: Den Aufbruch, der in den 1970er Jahren unter anderem innerhalb der Umwelt-, Jugend- und Friedensbewegungen begann, die sich langsam zu oppositionellen Netzwerken formierten. Die Revolution selbst, von der Fälschung bei den Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 bis zum Vorabend der Volkskammerwahl am 18. März 1990, der ersten freien Wahl in der DDR. Und schließlich die Entwicklung bis zur ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl im Dezember 1990.
Trotz großen medialen Einsatzes wird die Ausstellung dem Anspruch, ein umfassendes Bild von all dem zu zeichnen, vielfach nur ansatzweise gerecht. Denn die meisten Informationstexte sind zu kurz, um mehr als nur Denkanstöße zu ermöglichen. Freilich: Mit langen Texten ließe sich kaum die Aufmerksamkeit der Passanten gewinnen. Das gelingt mit den großflächigen Bildern weitaus besser.
"Wir waren sehr viele, aber unter uns gesagt, wir waren sehr wenige und oft sehr alleine... Aber Revolution funktioniert nur, wenn viele Menschen die gemeinsame Illusion haben, etwas verändern zu können", sagte der 1976 aus der DDR ausgewiesene Liedermacher Wolf Biermann bei der Eröffnung. Und all diesen schließlich Tausenden von Menschen setzt die Ausstellung ein temporäres, emotionales Denkmal – gegen Ostalgie und die Verklärung der DDR-Vergangenheit.
Alexanderplatz, Berlin. Bis 14. November.
Weitere Informationen unter www.mauerfall09.de www.revolution89.de
Quelle: http://www.badische-zeitung.de
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Tom Moak
04.06.2009, 18:03
@ Tom Moak
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"Die SED solidarisierte sich mit diesen Massenmördern" |
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INTERVIEW
04.06.2009
Werner Schulz
(Bild: Fraktion Bündnis 90/Die
Grünen im Bundestag)
"Die SED solidarisierte sich sehr offen mit diesen Massenmördern"
20 Jahre Mauerfall: Der Bürgerrechtler Werner Schulz über
die Reaktionen auf das Tian'anmen-Massaker in der DDR
Werner Schulz im Gespräch mit Tobias Armbrüster
Vor 20 Jahren ließ die chinesische Führung die Studentenproteste auf dem Platz des himmlischen Friedens blutig zerschlagen. Das Massaker in Peking habe damals in der DDR zu einer Mobilisierung der Opposition beigetragen, erinnert sich Werner Schulz, Gründungsmitglied des Neuen Forums und heute Europapolitiker der Grünen.
Man sei nicht bereit gewesen, sich die "chinesische Lösung" bieten
zu lassen, die aber ständig über den Regimegegnern geschwebt habe.
Tobias Armbrüster: Herr Schulz, als die chinesischen Soldaten
vor 20 Jahren in Peking auf die Studenten geschossen haben,
wie haben Sie das damals in der DDR erfahren?
Werner Schulz: Über Westfernsehen natürlich haben wir diese Bilder gesehen. Das war schrecklich, das war Schockstarre auf uns. So hat das jedenfalls gewirkt, und ich habe das nicht für möglich gehalten, weil es war ja ein Jahr oder eine Situation, wo man das Gefühl von demokratischem Aufbruch im sozialistischen Lager verspürte - Frühling in Moskau, Glasnost, Perestrojka, dann die chinesischen Studenten auf dem Tian'anmen, was für uns überraschend kam, weil wir von China relativ wenig wussten. Es war ja hermetisch abgeschlossen, dieses kommunistische Reich, und plötzlich dort eine demokratische Studentenbewegung. Das waren für uns alles Anzeichen, dass dieses 89er Jahr ein Jahr des demokratischen Aufbruchs oder Durchbruchs sogar werden könnte. Und dann diese Bilder!
Armbrüster: Wie haben denn die Medien in der DDR berichtet?
Schulz: Die Medien in der DDR haben relativ schnell die chinesische Position sich zu eigen gemacht. Die SED-Führung feierte schon am 5. Juni in einer Überschrift ihres Zentralorgans, des "Neuen Deutschlands", dass die Befreiungsarmee Chinas den konterrevolutionären Aufruhr niedergeschlagen hat, und die SED solidarisierte sich damit sehr offen mit diesen Massenmördern.
Armbrüster: Hat Ihnen das damals Angst gemacht?
Schulz: Ohne Zweifel! Das hat uns zunächst erst mal doch ganz schön zu schaffen gemacht, weil wir das Gefühl hatten, jetzt greift man durch, jetzt schlägt man zurück, jetzt wird es hart, jetzt wird nicht mehr diskutiert oder zugeführt und verhaftet, jetzt ist man zum Äußersten bereit. Das hat uns ja dann auch Egon Krenz zu verstehen gegeben, der sich ja beeilt hat, sofort mit Hans Modrow nach China zu fahren, um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen, und dann ja volles Einverständnis mit dem Vorgehen der chinesischen Genossen geäußert hat. Aber wir haben uns davon eigentlich nicht deprimieren lassen. Wir waren ja gerade in der Situation, dass wir die gefälschten Kommunalwahlen nachgewiesen hatten, am 7. Mai, und planten für den 7. Juni, also nur drei Tage nach diesem Massaker in China, eine Demonstration vom evangelischen Konsistorium in der Neuen Grünstraße zum Staatsratsgebäude, um dort eine Petition zu übergeben. Das wäre die erste große, nicht genehmigte Demonstration gewesen. Das ist abgewendet worden, ein Sicherheitsaufgebot sondergleichen, etwa 1000 Stasi-Leute, die in Berlin im Einsatz waren, die das verhindert haben, und ein Großteil von uns, etwa 300, haben sich in die Sophienkirche zurückgezogen und haben dann dort von der Sophienkirche aus noch mal versucht, eine Demonstration zu starten. Die sind dann in der Großen Hamburger Straße, dieser Straße, wo es in der NS-Zeit die Judendeportationen gab, verhaftet und deportiert worden.
Armbrüster: Heißt das, diese Ereignisse auf dem Platz des himmlischen Friedens, die haben für eine Art Aufbruchstimmung gesorgt in der Bürgerrechtsbewegung?
Schulz: In einer gewissen Weise ja. Es hat zu einer Mobilisierung beigetragen, weil die Opposition der DDR sich protestierend zu diesen Ereignissen in China geäußert hat. Es gab dann ein Trommelfasten in der Berliner Erlöserkirche, es gab einen großen Mahngottesdienst und Klagegottesdienst in der Samariterkirche, wo etwa 2000 Leute zusammenkamen, und es kam zu einer zusätzlichen Mobilisierung. Das Wort "Demokratie" in den chinesischen Schriftzeichen wurde als Aufkleber in der Opposition herumgereicht, mutige Autofahrer haben das an ihre Trabbis und Wartburgs geklebt. Es ging durchs ganze Land. Wir waren nicht bereit, uns die chinesische Lösung bieten zu lassen, und dennoch hat sie ständig über uns geschwebt.
Armbrüster: Wenn wir jetzt von der Bürgerrechtsbewegung 1989, im Juni 1989 sprechen, wie müssen wir uns das heute vorstellen? Haben Sie damals Westfernsehen geguckt, wie Sie es beschrieben haben, und sich dann sofort mit Freunden getroffen, um zu diskutieren was Sie da gesehen haben?
Schulz: Westfernsehen konnte man ja allenthalben bis auf wenige Regionen in der DDR empfangen. Man war so weit im Bilde. Der Besuch von Gorbatschow im Mai in Peking - das war ja seit 1959 das erste Gipfeltreffen wieder zwischen China und der Sowjetunion - hatte als Nebenerscheinung, dass Hunderte von Westjournalisten ja mit nach Peking gekommen sind und über diesen Studentenprotest berichtet hatten. Wir wussten Bescheid und die Opposition war relativ gut vernetzt, nicht so wie man sich das heute vorstellen kann, mit Handys und dergleichen, sondern es war mehr oder weniger eine Mund-zu-Mund-Propaganda. Es gab in allen evangelischen Kirchen Umweltgruppen, Friedensgruppen, Frauen-, Menschenrechtsgruppen und dergleichen. Wir kannten uns über das jährlich stattfindende Treffen "Frieden konkret" und insofern haben dann diese Proteste gegen das Massaker in Peking eine Flächenausdehnung bekommen. Das gab es also nicht nur in Berlin, sondern ich weiß auch in Leipzig kam es zu Demonstrationsversuchen. Das waren die Vorläufer der Montagsdemonstrationen. In der Dresdener Kreuzkirche gab es ein Trommelfasten für Peking und dergleichen mehr.
Armbrüster: Jetzt haben Sie schon gesagt, dass einige dieser Aktionen auch unterbunden wurden von der DDR-Führung. Hatten Sie damals den Eindruck, die Behörden werden nervös?
Schulz: Ich hatte den Eindruck - und den habe ich mit vielen anderen geteilt -, die Behörden - das ist ja ein sehr milder Begriff für so ein System -, der Staatsapparat und die Staatssicherheit, also das Schild und Schwert der Partei, waren zu allem entschlossen, und Egon Krenz machte das ja auch deutlich, auch übrigens die Haltung von Hans Modrow, der heute Ehrenvorsitzender der Linken ist - wofür weiß man offenbar nur in dieser Partei -, denn es hat ja dann auch am Dresdener Bahnhof brutale Übergriffe gegeben. Die signalisierten der DDR-Opposition: Wenn ihr das ausdehnt, wenn ihr solche Unruhen hier organisiert, dann sind wir auch bereit, durchzugreifen und notfalls auch mit der Waffe in der Hand die chinesische Lösung ... Es gibt ja eine Äußerung von Margot Honecker, die sie auf dem pädagogischen Kongress am 13. Juni noch gesagt hat, dass es also eine kämpferische Zeit ist, die eine Jugend braucht, die bereit ist zu kämpfen, und notfalls auch mit der Waffe in der Hand. Das gab begeisternden Beifall. Ich würde heute gerne die Pädagogen mal fragen, die auf diesem Kongress waren, was sie bewogen hat, das zu applaudieren damals.
Armbrüster: Können wir dann also sagen, Herr Schulz, dass die Ereignisse vom Platz des himmlischen Friedens den Mauerfall in der DDR beschleunigt haben?
Schulz: Es ist sicher mit ein Riss, der darauf zurückzuführen ist. Es sind verschiedene Kräfte, die gewirkt haben: natürlich der Runde Tisch in Polen, den es '89 gegeben hat. Aber schauen Sie, die DDR ist von Anfang an nie demokratisch legitimiert gewesen. Jegliche Versuche zu einem demokratischen Sozialismus wie '68 in Prag sind erstickt und niedergewalzt worden. Es gab immer Widerstand, es gab immer Gegenbewegungen, und insofern haben all diese Partikularkräfte dazu beigetragen, dass letztendlich die Mauer durchbrochen werden konnte, sicher auch dieses Fanal in Peking. Es war klar: Die Krise ist allenthalben im gesamten sozialistischen Lager spürbar, und die vor allen Dingen junge Generation hält es nicht mehr aus, sie ist gewillt, ihre Selbstbefreiung zu betreiben.
Armbrüster: Sie kandidieren jetzt für das Europaparlament. Wenn Ihnen damals jemand gesagt hätte, dass Sie in 20 Jahren nicht mehr DDR-Opposition machen, sondern Europapolitik, was hätten Sie geantwortet?
Schulz: Ich hätte gesagt, das ist ein wahnsinnig schöner Traum. Ich kann es kaum glauben. 20 Jahre ist zwar eine lange Zeit, aber es ist nicht vorstellbar. Ich hätte mir das damals noch nicht mal erträumen können. Wir haben eigentlich sehr, sehr kleine Brötchen in der Hand gehabt und haben gedacht, dass wir dieses Land zumindest etwas auflockern können, reformieren können. Aber dass wir so schnell diese Republik abwählen werden, die ja nie eine war, sondern DDR steht für mich für ein "Deutsches Diktatur-Regime" und nicht für eine "Deutsche Demokratische Republik" - das war es nur im letzten halben Jahr -, dass wir dieses überwinden und dass wir ein geeintes Deutschland erreichen können und letztendlich auch einen Aufbruch nach Europa hinbekommen und eine europäische Erweiterung, das ist also mehr als ein wunderschöner Traum, der da in Erfüllung gegangen ist.
Interview mit Werner Schulz, Ex-DDR-Bürgerrechtler
Sendezeit: 04.06.2009 08:20
Autor: Tobias Armbrüster
Programm: Deutschlandfunk
Sendung: Informationen am Morgen
Länge: 08:51 Minuten
. . . hier der Hörbeitrag
© 2009 Deutschlandradio
Quelle: http://www.dradio.de
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