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Tom Moak(R)

19.08.2009, 12:24
 

Als Leiharbeiter im DDR-Dschungel

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Als Leiharbeiter im DDR-Dschungel

Wie drei Juristen aus Bayern versuchten, dem letzten
Innenminister bei der eigenen Abwicklung zu helfen



Von Annette Ramelsberger



München/Berlin - Die drei Männer haben ein Geheimnis. Sie haben für den Klassenfeind gearbeitet. Für die DDR. Sie haben dafür sogar einen Orden bekommen, verliehen "für den Kampf in den bewaffneten Organen des Innenministeriums der DDR". Und das auch noch mit Wissen ihres Dienstherrn, des damaligen bayerischen Innenministers Edmund Stoiber. Tragen dürfen sie den Orden nicht, öffentlich zeigen schon gar nicht. So sieht es das Ordensrecht der Bundesrepublik Deutschland vor. Keiner würde ihnen dieses Geheimnis zutrauen. Denn die Herren sind Stützen der Gesellschaft, ergraut im Dienst für den Freistaat, alle drei Regierungspräsidenten. Doch damals, in der Wendezeit, hat Stoiber die Beamten an Ost-Berlin ausgeliehen, an Peter-Michael Diestel, den letzten Innenminister der DDR.

Plötzlich standen die drei Bayern in den geheimen Aktenkellern der Staatssicherheit und liefen wie Aliens durch die Eingeweide ostdeutscher Sicherheitsbehörden.

Sie kamen in eine fremde Welt. Thomas Bauer, damals 33 und Hilfsreferent im bayerischen Innenministerium - heute ist er Regierungspräsident von Mittelfranken. Karl Inhofer, damals 47, Büroleiter des bayerischen Innen-Staatssekretärs Günther Beckstein - später jahrelang Regierungspräsident in Mittelfranken, jetzt im Ruhestand. Und Christoph Hillenbrand, damals 32 und Pressesprecher im bayerischen Innenministerium, heute Regierungspräsident von Oberbayern. Sie alle hatte Bayern an Diestel ausgeliehen. Der hatte Melker gelernt, Jura studiert und als Bademeister gearbeitet. Und hatte nun plötzlich den anspruchsvollsten Job der deutschen Einheit: Er musste die Volkspolizei in eine zivile Polizei überführen, war verantwortlich für die Stasi-Akten. Er konnte Hilfe brauchen - dachte man zumindest in Bayern.

Hillenbrand betrat im Mai 1990 in Ost-Berlin ein absolut leeres Zimmer, ausgeräumt bis auf den unverrückbaren Tresor. Man konnte noch die Siegel erkennen, mit denen früher abends die Tresortüren verschlossen wurden. Hier war DDR-Hochsicherheitsgebiet. Und nun kam ein junger Jurist aus Bayern und sollte als Pressesprecher für den Innenminister der DDR arbeiten - ohne Arbeitsmaterial. Hillenbrand hatte nichts. Kein Telefonverzeichnis, keine Ansprechpartner, kein Fax. "Wenn das Telefon läutete, meldete ich mich mit meinem Namen. Die meldeten sich mit einer Nummer", sagt er. Überhaupt war alles anders als daheim. Auf Diestels Pressekonferenzen versuchte Hillenbrand zwar, bundesrepublikanische Normalität vorzuspielen. Er erteilte ordentlich das Wort, machte penibel eine Frageliste, alles so, wie er das in Bayern gelernt hatte - und dann überrollten ihn die Ereignisse. "Mir blieb immer wieder der Mund offen stehen", sagt er.

Einmal flog Diestel nach Moskau und brachte Akten über deutsche Kriegsgefangene mit, die bis dahin geheim gewesen waren. Dann übernahm er mal eben 1000 Leute der DDR-Grenztruppen ins Innenministerium. Pressesprecher Hillenbrand erfuhr von beiden Begebenheiten aus dem Radio. Ein anderes Mal fuhr Hillenbrand für drei Tage an die Ostsee. Als er dort die Zeitung aufschlug, las er: "Diestel enttarnt RAF-Terroristen." Und als der Pressesprecher seinen Innenminister bestürmte, das müsse man jetzt strategisch angehen, die weiteren Schritte planen, eine Sprachregelung finden - da erklärte Diestel einfach: "Wenn man in den Wald geht, findet man eben Pilze." Und enttarnte täglich weiter - 17 RAF-Leute, die in der DDR untergetaucht waren. Ohne jegliche Strategie.

Diestel war Strategie egal, er machte Politik aus dem Bauch heraus, vielleicht auch aus der Hüfte. Seine Leute kamen gar nicht nach. "Natürlich haben meine Aufbauhelfer immer wieder mal die Stirn gerunzelt", erzählt Diestel heute. "Die haben gesagt: ,Das müssen Sie aber mit Herrn Doktor Kohl absprechen." Und aus dem Kanzleramt in Bonn kam wie immer die Ansage: ,Machen Sie mal, wie Sie denken." Das wollte sich doch keiner ans Bein binden, was wir zu entscheiden hatten. Also haben wir gemacht, wie wir gedacht haben."

Diestel ging mit brachialer Hemdsärmeligkeit an Entscheidungen von historischer Tragweite heran. Immer wieder machte er sich das Wissen der Stasi zunutze, so sehr, dass ihm später vorgeworfen wurde, zumindest politisch verantwortlich zu sein für das Verschwinden von Stasi-Akten. Das ganze Innenministerium war durchsetzt von alten Kadern und Stasi-Leuten. Was den Juristen aus Bayern den Schweiß auf die Stirn trieb, wischte Diestel einfach beiseite. Damals und auch heute noch. "Herr Inhofer hat mich einmal dringlich zu sprechen gewünscht", erzählt Diestel. ",Herr Minister", sagte er, , der Leiter der Rechtsabteilung ist vermutlich ein KGB-Agent. Zumindest hat er enge Verbindungen zur Staatssicherheit." Ich sagte zu ihm: ,Mein lieber Inhofer, wer hat das hier denn nicht? Da hilft nichts außer: Augen zu und durch.""

Den Helfern aus Bayern blieb nichts anderes übrig, als sich an die Allgegenwärtigkeit der Stasi zu gewöhnen. Auch wenn sie zusammenzuckten, als die Sekretärin am Morgen fragte, was man denn um 23 Uhr noch im Haus gesucht hätte - obwohl niemand sie gesehen hatte, als sie noch schnell den vergessenen Kugelschreiber aus dem Büro holen wollten. "Wir wussten nicht, mit wem wir es zu tun hatten. Man lebte zwischen Andeutungen und einem Apparat, den man nicht einschätzen konnte. Es war wie in einem mit trüber Flüssigkeit gefüllten Becken: Selbst wenn man drin war, wusste man nicht, was drin war", sagt Hillenbrand. Bald wurde Diestel auch den Freunden aus Bayern suspekt. Als er aus der DSU austrat, die die CSU als Wurmfortsatz im Osten betrachtet hatte, zog Stoiber seinen Sprecher Hillenbrand ab.

Als Berater waren die drei Juristen engagiert. Doch zu beraten hatten sie nichts. "Diestel hat nie vorher gefragt", sagt Thomas Bauer. Er war für Diestel Volkskammerreferent und sollte die Gesetze betreuen, die noch durch das Parlament der DDR mussten. Ursprünglich sollten die Berater noch nicht einmal dem Minister nahekommen dürfen, sollten zum Beispiel nicht im gleichen Kasino essen wie Diestel. Allerdings auch nicht beim normalen Volk in der Ministeriumskantine. "Die haben wirklich überlegt, für uns eine eigene Kantine zu bauen", sagt Bauer. "Bis wir den Minister davon überzeugt haben, dass wir ihn nicht beraten können, wenn wir nicht an ihn rankommen."

Doch auch mit direktem Zugang konnten sie nichts ausrichten. Denn sie hatten es mit einem Minister zu tun, der so gar nicht in ihr Weltbild passte, das bis dahin geprägt war von Stoiber und dessen Staatssekretär Beckstein. Ihr neuer Chef kam zum Fernseh-Interview, legte sein Jackett ab und zeigte vor der Kamera die Pistole, die er darunter trug. Zum Eigenschutz, wie er sagte. Mal wurde in seinem Büro überlegt, ob man nicht 100 reichen Chinesen, die deutsche Staatsbürger werden wollten, den DDR-Pass für je zehn Millionen Mark verkaufen solle - weil alle DDR-Bürger auch Anspruch auf den bundesdeutschen Pass hatten.

Und mitten in der hektischen Zeit der RAF-Enttarnungen stand plötzlich ein Teppichhändler im Hof des Ministeriums, weil Diestel in seinem Amtszimmer einen Perserteppich haben wollte. "Andere gingen zum Fallschirmspringen", sagt Hillenbrand, "ich ging ins Büro."

Einmal erzählte Diestel ihnen, dass er für einen Spottpreis ein Grundstück am Zeuthensee gekauft habe. "Das können Sie nicht machen", redeten sie auf ihn ein. "Die Preisrelation kann nicht stimmen." Er hätte auf die Bayern hören sollen. Das Verfahren um das Grundstück zog sich bis zum Bundesgerichtshof. Am Ende musste er es zurückgeben und noch Strafe zahlen. "Meine Bayern haben mich vor Schaden bewahrt", sagt er heute. "Ich bin kein Diplomat. Ich haue frontal zurück, wenn mich einer angeht. Da haben sie mir viel beigebracht." Man fragt sich, was noch alles geschehen wäre, wenn nicht bayerische Beamte stetig Bedenken getragen hätten.

Meist aber wischte Diestel die Einwände einfach zur Seite. "Wir hatten jeden Tag Abenteuer", sagt er. "Das ist im deutschen Beamtenrecht nicht vorgesehen. Die gesamte friedliche Revolution war rechtswidrig und nicht vorgesehen." Und für diese Situation brauchte er keine Etepetete-Beamten, keine Paragraphenreiter. Er brauchte Kämpfer. "Man erkennt Intelligenz auch daran, wie man auf die Umstände reagiert", sagt Diestel und meint damit auch sich selbst. "Wer im Dschungel kämpft, der zieht den Frack aus und die Guerilla-Uniform an. Meine Bayern waren intelligent."

Der Dschungel des Ostens schreckte die einen, er faszinierte die anderen. Manch einer liebäugelte zumindest mit der Guerilla-Uniform. Thomas Bauer fand Gefallen an dem Chaos, das so viele Chancen eröffnete. "Noch unmittelbarer kann man Politik nicht gestalten", sagt er. Es gibt da diese kleine Geschichte mit dem Kommunalabgabengesetz. Ein Kollege von Bauer hatte es ausgearbeitet und es dann später in Thüringen angewendet. Ein Gesetz, rein praktisch, ohne Zwänge, ohne Rücksichtnahme auf Hierarchien und Parteien. "Das hätten wir in Bayern nie durchgekriegt", sagten sich damals die Aufbauhelfer. Ein paar Jahre später kam der Hilfsreferent aus Thüringen zurück nach Bayern. Man plante eine Änderung des Kommunalabgabengesetzes. "Das Gesetz hat sich in Thüringen bereits bewährt", schrieb er in die Vorlage. Sie kam durch. Politikbeschleunigung West über den Umweg Ost.

Irgendwann fühlten sich die Wessis sogar solidarisch mit ihren Ost-Kollegen. Es war der 2. Oktober 1990. Am 3. Oktober sollte die Deutsche Einheit vollzogen werden. Diestel saß mit seinen Getreuen zum Abschlusskaffee in seinem Büro. Da ging die Tür auf, kein Anklopfen, kein Gruß, Beamte aus Bonn stürmten in den Raum. "Die nahmen von uns gar keine Notiz", sagt Bauer. "Die unterhielten sich einfach und verteilten schon die Räume unter sich." Da stand Diestel auf und sagte: "Egal, wer Sie sind, egal, was Sie hier wollen. Raus mit Ihnen. Sie haben hier erst morgen was zu sagen." Die Sympathie des bayerischen Juristen Thomas Bauer war in diesem Augenblick ganz klar bei seinen Ossis.

Bauer ist die Arroganz des Westens fern. "Es gab Leute im DDR-Innenministerium, mit denen hätte ich auch in einer bayerischen Behörde gut zusammenarbeiten können." Ihn irritiert noch immer, wie desinteressiert vor allem im Süden die Einheit verfolgt wurde. "Das wurde in München eher als Problem für die Straßenbauer in Nordbayern gesehen. Die sollten halt die Verbindungswege teeren. Es hat an Emotionen gefehlt."

Bauer hat sich ein wenig Gefühl erlaubt. Er hat noch immer einen ganz besonderen Pass zu Hause. Den geplanten Reisepass der DDR. Er wäre gekommen, wenn die Mauer nicht so schnell gefallen wäre. Es gab nur 80 Stück im Innenministerium, einen davon hat er. Weinrot. Der Traum jedes DDR-Bürgers. Und eine Erinnerung an jene Zeiten, in denen bayerische Hilfsreferenten mit an der Geschichte schrieben.


Quelle: http://www.sueddeutsche.de

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