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Neue Studie zu DDR-Spitzeln . . . Die schlanke Stasi

verfasst von Tom Moak, 21.02.2013, 22:38

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21. Februar 2013, 18:21 Uhr

Neue Studie zu DDR-Spitzeln

» Die schlanke Stasi

Von Stefan Berg

War der Überwachungsapparat der DDR kleiner als angenommen?
Eine neue Studie stellt die hohe Zahl von Spitzeln in Frage - diese
habe auf teils abenteuerlichen Rechnungen basiert. Auch das Bild
des Stasi-Offiziers wird relativiert: Die Überwacher wurden selbst
genauestens beobachtet.


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Bild-Quelle: http://www.chbeck.de


Über den Verdacht, die DDR zu beschönigen, ist Ilko-Sascha Kowalczuk, 45, erhaben.
Unrecht und Unterdrückung in der ostdeutschen Diktatur haben den Historiker schon
im Studium beschäftigt; seit 2001 bemüht er sich als Wissenschaftler beim Bundes-
beauftragten für die Stasi-Unterlagen um Aufklärung der Geschichte.

Was Kowalczuk und seine Kollegen über die Methoden der Stasi und
ihrer hauptamtlichen sowie inoffiziellen Mitarbeiter herausfanden, hat
in der Vergangenheit immer wieder Beachtung gefunden.

Aufsehen ist Kowalczuk auch jetzt sicher. Denn der profunde Kenner des Unterdrückungsapparates ruft in einer neuen, mehr als 400 Seiten starken Studie zu einer "Generalinventur" auf: Die bisherige Auseinandersetzung mit dem DDR-Unrecht trage schwere Mängel. Man habe den Staatssicherheitsdienst "dämonisiert", ein Bild vom Geheimdienst geschaffen, welches "mit der Realität nichts gemein" habe.

Es geht also um Grundsätzliches: Zwanzig Jahre lang prägten Enttarnungen vieler Stasi-Zuträger die Debatte. Das Bild vom "Spitzelstaat" hat sich eingebrannt, es wurde gespeist aus immer neuen Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde. Die Geheimpolizei, nicht die herrschende Einheitspartei SED, wurde zum Markenkern des DDR-Geschichtsbilds.

Doch nun meldet Kowalczuk begründete Zweifel an.

Für die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit (BStU) ist der Text eine Herausforderung. Denn der härteste Vorhalt des streitbaren Kowalczuk trifft die Institution, in der er arbeitet: Deren Zahlenangaben zu Inoffiziellen Mitarbeitern basierten "auf Hochrechnungen und Schätzungen". Mit dem "Label IM" seien Menschen zu Inoffiziellen Mitarbeitern gemacht worden, "als wenn sie sonst nichts weiter gemacht hätten, als wenn sie nur IM gewesen wären". Sie seien reduziert worden auf "das Böse schlechthin".

Ist das bisherige Geschichtsbild also übertrieben, war das ostdeutsche Überwachungssystem
am Ende gar weniger schlimm als bislang angenommen?

Einige Wissenschaftler seien der Versuchung erlegen, sich "mit überzogenen Thesen ins Rampenlicht zu stellen", argumentiert Kowalczuk. Jede abwägende Haltung hingegen setze sich zwangsläufig dem Verdacht aus, die Stasi zu verharmlosen. Kenner wissen, wem der Vorwurf des Autors gilt: Experten wie dem BStU-Forscher Helmut Müller-Enbergs oder Stasi-Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe, die beide seit Jahren mit scharfen Thesen ehemalige Stasi-Leute attackieren. Mit ihnen sucht Kowalczuk nun den offenen Konflikt.

Viele Zuträger sind doppelt in der Gesamtrechnung erschienen

Der "medialen Skandalisierung" versucht er historisch präzise Untersuchungen entgegenzusetzen. Vor allem die Zahl von etwa 189.000 IM, die es laut BStU-Statistik 1989 in der DDR gegeben haben soll, hält Kowalczuk für übertrieben. Noch 1988 habe das Stasi-Ministerium von lediglich 110.000 IM gesprochen. Die Nachwende-Hochrechnung lasse unberücksichtigt, dass viele geworbene Zuträger unter verschiedenen IM-Kategorien geführt worden seien und dadurch doppelt in der Gesamtrechnung erschienen.

Zudem habe das Ministerium von Stasi-Chef Erich Mielke selbst beklagt, dass viele registrierte IM gar nicht berichtet hätten. 1987 wurden deshalb knapp 10.000 IM-Vorgänge archiviert. Karteileichen also, die nach Kowalczuk aus der Summierung abgezogen werden müssten.

Auf "abenteuerliche Weise" seien außerdem mehr als 13.000 IM der Auslandsspionage in das Zahlenwerk eingeflossen. Man habe nach 1990 Angaben aus zwei Bezirksabteilungen der Stasi für die gesamte Auslandsabteilung grob hochgerechnet. Aus Aktenvorgängen seien kurzerhand konkrete Personen konstruiert worden. Alles unseriös, konstatiert Kowalczuk. Der Versuchung, selber eine Gesamtzahl zu präsentieren, widersteht der Wissenschaftler. Ihm gehe es bei der Rechnerei ums Prinzip; mehr Präzision, weniger Hysterie, heißt seine Devise.

Der intensive Blick auf den Geheimdienst verzerrt das Bild der DDR

Das gilt auch für das Bild vom Stasi-Offizier, einem "Zerrbild" wie er findet. Unbestritten bleibe die Verantwortung der Hauptamtlichen für Spitzelei und Repression. Doch auch die Überwacher waren der Überwachung ausgesetzt: So abwegig es sich auch anhöre, argumentiert Kowalczuk, aber "keine Personengruppe" sei "so intensiv und systematisch" überwacht worden wie die der hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter selbst.

1989 saßen etwa 20 Personen in Haft, die im aktiven Stasi-Dienst verhaftet und dann verurteilt worden waren. Stasi-Mitarbeiter hätten in abgeschiedenen Wohnsiedlungen gelebt, in denen sie sich gegenseitig beobachtet hätten. "Ein großer Teil der MfS-Mitarbeiter stand unter Dauerkontrolle", so Kowalczuk.

Ihm gehe es nicht um die "Relativierung der Verbrechen der Staatssicherheit", sagt Kowalczuk. Der intensive Blick auf den Geheimdienst habe aber das Bild von der DDR verzerrt. Diese "Dämonisierung der IM und der Stasi" habe all jene "wunderbar entlastet", denen man dieses Label nicht habe anheften können, die SED-Mitglieder etwa.

Seinen Arbeitgeber, die Stasi-Unterlagen-Behörde, hat der Historiker bereits überzeugt: Natürlich basierten Teile der IM-Zahlen auf Hochrechnungen, so Sprecherin Dagmar Hovestädt. Der gesamte IM-Bestand der HVA kann nur durch Hochrechnungen und Schätzungen bestimmt werden. Und dann lobt sie: "Stasi konkret" gibt nun "neue Impulse für die Forschung. Das ist eine gute Basis für die Fortentwicklung der IM-Forschung".

Quelle: http://www.spiegel.de

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