Tom Moak's little Forum

zurück zur Homepage
Forums-Ausgangsseite

log in | registrieren

zurück zum Forum
Board-Ansicht  Mix-Ansicht

"Aufarbeitung wird bis zu drei Jahre dauern"

verfasst von Tom Moak, 16.05.2013, 02:09

[image]
»

"Aufarbeitung der Medikamenten-Tests in der DDR wird bis zu drei Jahre dauern"

[image]
Auch am Jenaer Klinikum wurden zu DDR-Zeiten Medikamente getestet.
Foto: Alexander Volkmann

Das Telefon von Rainer Erices steht seit Anfang der Woche nicht mehr still. Seit der Veröffentlichung seiner Forschungsergebnisse über Medikamenten-Tests westlicher Pharmafirmen in der DDR ist der Medizinhistoriker ein gefragter Mann. Auch das Expertenteam, das gestern am Jenaer Uniklinikum gegründet wurde, hofft auf seine tatkräftige und versierte Hilfe.
Die vollständige Aufarbeitung der Tests wird nach Einschätzung des Forschers mindestens zwei bis drei Jahre in Anspruch nehmen. Viele der Akten in den Kliniken seien bisher nicht aufgearbeitet worden.

"Die Forschung braucht Zeit", sagte Erices gestern nach dem Treffen in Jena. Nach der gestrigen Runde gehe er aber davon aus, dass vom betroffenen Jenaer Klinikum ausreichend Gelder bereitgestellt werden, um das Thema wissenschaftlich zu untersuchen, sagte Erices. Er sei sich sicher, Unregelmäßigkeiten bei den Arznei-Studien nachweisen zu können.

In unserer Zeitung nannte Erices die Tests in der DDR Anfang der Woche flächendeckend. Beteiligt waren Uni-Kliniken in Leipzig, Berlin und Rostock. Auch in Thüringer Krankenhäuser ließen westliche Arzneimittelhersteller gegen Devisen neue Medikamente an DDR-Patienten ausprobieren.

Erices wurde von der Stasi-Landesbeauftragten Hildigund Neubert mit der Aufarbeitung von entsprechenden Fällen in Thüringen beauftragt. Neubert habe damit eine wichtige Debatte angestoßen, meinte der Medizinforscher gestern.

Das sieht auch der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, so.

Gefragt, was an der aktuellen Diskussion anders sei als an früheren Auseinandersetzungen mit dem Thema, sagte Jahn gestern, er erwarte, dass nun endlich gründlich nachgeforscht und die genauen Hintergründe der Arzneimittelstudien aufgeklärt werden.

"Man konnte bei der DDR nicht davon ausgehen, dass schon alles seine Richtigkeit haben würde. Das war ein Staat ohne zugelassene kritische Öffentlichkeit, ohne Meinungs- oder Pressefreiheit. Für Devisen tat die SED alles", so Jahn gestern gegenüber unserer Zeitung.

Eigene Forschungen zu Medikamententests hat die Stasiunterlagenbehörde bisher nicht gemacht. Die Stasi-Unterlagen seien aber ein Teil des Puzzles.

Die Stasi überwachte die Devisen-Beschaffung

Die Rolle der Stasi war es vor allem, die Möglichkeit der Tests als Form der Devisenbeschaffung zu organisieren und den reibungslosen Ablauf zu gewähren. Dazu wurde einerseits die Geschäftsanbahnung überwacht und begleitet, um andererseits mögliche Kritik oder gar Störungen bei den Tests zu erkennen. Unterlagen würden belegen, dass die Staatssicherheit auch bei den westlichen Pharma-Studien ihre Finger im Spiel hatte. "Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi nahmen teilweise aktiv in den Kliniken an den Studien teil und überwachten das devisenträchtige Gebahren", erklärte Jahn.

Diese Akten sollen nun Aufschluss geben, wer mit welchen Motiven an den Tests mitwirkte. "Es gab Tote und schwere Nebenwirkungen, das muss lückenlos aufgeklärt werden", forderte der Bundesbeauftragte.

Über die Forderung nach Aufklärung herrscht weitgehende Einigkeit. Ministerien, Kliniken, Historiker wollen dazu beitragen. In Berlin will sich das Institut für Geschichte der Medizin der Charité der Sache annehmen. In Thüringen kümmern sich die Jenaer Expertengruppe und Rainer Erices darum.

Belastbare Akten zu den Pharma-Studien zu finden, scheint derzeit aber schwierig zu sein. Ende vergangenen Jahres war in einem Fernsehbericht noch von Akten über "klinische Prüfungen in der DDR" die Rede, die angeblich im Keller des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) gefunden wurden. "Dies trifft nicht zu", stellte das Bundesgesundheitsministerium gestern richtig.

Laut Roland Jahn erfährt man aus vorliegenden Stasiakten nur wenig Details über die Folgen der Studien für die Patienten.

Die Krankenhäuser in Thüringen haben ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit bereits bekräftigt. Vertreter der heute in Jena, Erfurt, Bad Berka oder Gera tätigen Kliniken erklärten, man werde alle Fragen so umfassend wie möglich beantworten. Bei Patientenakten aus den 80er-Jahren werden die Erwartungen aber gedämpft. Alle Kliniken haben neue Träger oder Betreiber, Patientenunterlagen aus DDR-Zeiten seien nur sporadisch vorhanden.

Zum Beispiel in Gera. "Unser Archiv der Patientenakten reicht bis in das Jahr 1989 zurück. Erst mit der Wende wurde die Aufbewahrungsfrist auf 30 Jahre verlängert", sagt beispielsweise Katrin Wiesner von der Waldklinik in Gera. In Einzelfällen würden noch frühere DDR-Akten existieren, wenn Patienten über längere Zeit behandelt und die Unterlagen weitergeführt wurden.

Die Akten aus dem Bergarbeiter-Krankenhaus lagern im Gesundheitsdatenarchiv Chemnitz der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Was drin steht, weiß niemand.

Ob und in welchem Umfang Medikamenten-Tests im Auftrag westlicher Pharma-Konzerne zu DDR-Zeiten am ehemaligen Bezirkskrankenhaus Gera oder dem Bergarbeiter-Krankenhaus durchgeführt wurden, dazu habe man in Gera bislang keine Kenntnisse, so Wiesner.

Motive der Beteiligten müssen aufgeklärt werden

Ähnlich die Antwort auf die Aktenfrage in Bad Berka: "Hinweise auf Medikamentenverabreichungen im Rahmen von Studien, die von westeuropäischen Pharmafirmen beauftragt wurden, könnten sich allenfalls in einzelnen Patientenakten finden, die unter diesem Aspekt einzeln durchgesehen werden müssten", erklärte Kliniksprecher Stephan Zeidler.

Wie viele Akten vorhanden sind und tatsächlich durchgesehen werden könnten, ist unklar.

Bleiben die Pharmariesen. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) forderte die beteiligten Firmen auf, die Aufklärung zu unterstützen und zur Transparenz beizutragen.

Das erwartet auch Roland Jahn. "Die Konzerne müssen jetzt ihre Archive öffnen und Klarheit schaffen." Dabei gehe es nicht um eine Rangfolge der Übeltäter. Niemandem dürfe von vorneherein Böswilligkeit unterstellt werden. "Aber wenn wir wissen wollen, wie die Diktatur Menschen entmündigte, müssen wir alle Hintergründe und Motive der Beteiligten kennen", sagte Jahn gestern.

Das will auch Rainer Erices. Er will jetzt sofort loslegen. "Es wird spannend zu sehen, welche Akten in den Archiven und Kliniken noch da sind, wie dick sie sind und was drin steht", meinte er gestern Abend. Bei einer Bewertung der seit 1983 durchgeführten Testreihen müsse aber bedacht werden, "dass die ethischen Standards heute strenger sind als damals". Patientenrechte hätten in der DDR keine Rolle gespielt. "Man war froh, wenn man behandelt wurde."

Erices bekam in den vergangenen Tagen viele Mails. Betroffene wünschten sich Klarheit. Rechtsnachfolger ehemaliger DDR-Krankenhäuser wollten Verantwortung übernehmen.

Birgit Fischer vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa), erklärte, ihr Verband stehe für Gespräche bereit. "Standards für klinische Studien in der DDR entsprachen dem damals Üblichen", sagte Fischer. "Viele Studien wurden parallel in westlichen Ländern erstellt."


Hanno Müller / 15.05.13 / TA


Quelle: http://www.thueringer-allgemeine.de


» ,.-

antworten
 


gesamter Thread:

zurück zum Forum
Board-Ansicht  Mix-Ansicht
Tom Moak's little Forum | Kontakt
2675 Postings in 816 Threads, 3 registrierte User, 2 User online (0 reg., 2 Gäste)
powered by my little forum  ^