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„Es macht Sinn, über die Stasi aufzuklären“

verfasst von Tom Moak, 07.09.2013, 15:03

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07.09.2013

Mord durch die Stasi?


Die Legende Lutz Eigendorf
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Lutz Eigendorf im Trikot des 1. FC Kaiserslautern

(BILD: dpa)
Von Katrin Löwe


1983 starb der Fußballer Lutz Eigendorf unter mysteriösen Umständen in Braunschweig.
War es Mord durch die Stasi? Der damalige Staatsanwalt debattiert mit Hallensern.


Halle/MZ.

An den Tag vor gut 30 Jahren, als er die Unfallakte auf den Tisch bekam, kann sich Hans-Jürgen Grasemann noch heute erinnern. Er ist Hannover-96-Anhänger, seit jeher. Dennoch: Der Name des Braunschweiger Fußballers, der da stand, war ihm gut bekannt. „Ich wusste sofort, um wen es geht.“ Was er nicht ahnte war, wie lange ihn der Fall beschäftigen würde: Auch 30 Jahre nach dem Tod von Lutz Eigendorf ist unklar, ob der ehemalige DDR-Fußballer im Westen wirklich einem Verkehrsunfall zum Opfer fiel oder die Staatssicherheit ihre Finger im Spiel hatte. „Das Thema bewegt immer noch viele Menschen“, sagt Grasemann nun auf einer Veranstaltung von Stasi-Unterlagen-Behörde und Konrad-Adenauer-Stiftung in Halle.

Der heute 67-Jährige war als Oberstaatsanwalt 1983 zuständig für den Fall. Eigendorf, einst Spieler beim BFC Dynamo, war 1979 nach einem Freundschaftsspiel gegen Kaiserslautern im Westen geblieben und zwischenzeitlich nach Braunschweig gewechselt. Am 5.März 1983 raste er mit seinem Auto am Rande Braunschweigs gegen einen Baum. Eine langgezogene Rechtskurve, die als Unfallschwerpunkt bekannt war, Breitreifen und Regen, vor allem aber 2,2 Promille im Blut des Fußballers: Für die Behörden schien der Fall klar. Hinweise von Eigendorfs Manager, es sei auf die Reifen geschossen oder die Bremse manipuliert worden, hätten sich nicht bestätigt, so Grasemann.

Die Ermittlungen wurden eingestellt, auf eine Obduktion verzichtete man. „Dafür gab es nach damaliger Lesart keinen Grund.“ Nach 1990 änderte sich die Lesart. Stasi-Akten tauchten auf, deren Inhalte Autor Heribert Schwan später in einem Dokumentarfilm bündelte. Eigendorf, wird darin klar, wurde seit seiner Flucht im Westen auf Schritt und Tritt von der Stasi observiert. Zeitweise, sagt Grasemann, von 20 Spitzeln.

BFC Dynamo, ein mysteriöser Todesfall und die Stasi - das ist bis heute der Stoff, aus dem Legenden sind. Auch in Halle, wo Eigendorf, wie ein Zuhörer bemerkt, noch 1978 ein DDR-Länderspiel gespielt habe.

Den Film von Schwan bezeichnet der Braunschweiger Oberstaatsanwalt als exzellent.

Nur mit der letzten Botschaft geht er nicht mit. Schwan kommt anhand von handschriftlichen Stasi-Notizen, in denen die Worte „verblitzen“ und Gift stehen, zu einem Schluss: Die Stasi habe Eigendorf Alkohol und Gift eingeflößt und ihn dann in der Kurve bewusst geblendet.

Nur: „Es gibt keinen Beweis dafür“, sagt Grasemann seinen Zuhörern. Nichts, worauf ein Jurist setzen könnte, nichts, was für eine Anklage reicht. Entscheidende Stasi-Akten fehlen bis heute. Zweimal hat die seit 1990 zuständige Berliner Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder aufgenommen: zuletzt 2010, als ein ehemaliger Boxer erklärte, von der Stasi einen Mord-Auftrag für Eigendorf erhalten, ihn aber nie ausgeführt zu haben. Jedes Mal wurden die Ermittlungen ergebnislos eingestellt.

So bleibt auch für Grasemann nach gut 30 Jahren nur eines: „Es ist alles denkbar, man kann nichts ausschließen.“ Und es gibt vor allem offene Fragen, die ihn und seine Zuhörer bewegen.

Ist es Zufall, dass Eigendorf kurz nach einem Interview vor der Mauer starb, das Stasi-Chef Erich Mielke provoziert haben muss? Warum wurde der Fußballer im Westen so lange und so intensiv bespitzelt? Doch nicht ohne Plan. Vielleicht, sagt Grasemann, ist der Unfall der Stasi auch zuvorgekommen. Oder wollte die kurz vor einem Spiel des BFC in Stuttgart ein Exempel setzen, um weitere Fluchten zu verhindern?

Einem Sportler soll Mielke vor einer Westreise mal gesagt haben: „Denk an Eigendorf!“

Der inzwischen pensionierte Grasemann ist ein Mann, der sich Diskussionen über Stasi-Methoden stellt, auch wenn er die letzte Antwort im Fall Eigendorf schuldig bleiben muss. Von 1988 bis 1994 war er Vize-Chef der zentralen Erfassungsstelle Salzgitter, die seit 1961 in der DDR begangenes Unrecht dokumentierte.

Eine Lehrerin aus Sachsen-Anhalt hat ihm vor Kurzem gesagt, DDR-Staatschef Erich Honecker sei ihren Schülern so fern wie Napoleon ihr.

„Es macht Sinn, über die Stasi aufzuklären“, sagt Grasemann. Immer wieder.


Quelle: http://www.mz-web.de


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