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Leidenserinnerungen und geschichtsmüde Jugend

verfasst von Tom Moak, 27.04.2014, 20:54

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neues-deutschland.de / 28.04.2014 / Inland / Seite 6

Leidenserinnerungen und geschichtsmüde Jugend


18.Bundeskongress der Stasibeauftragten in Dresden
verharrte aber nicht nur in der Retrospektive



Von Michael Bartsch, Dresden

Benennung von SED-Unrecht erwartet man üblicherweise
von Begegnungen der Jahn-Behörde mit Opferverbänden.

Doch zwei Gäste stellten auch Fragen an
die Transformationsgesellschaft danach.


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Ort schlimmer Erinnerungen: Frauenknast Schloss Hoheneck
Foto: dpa/Hendrik Schmidt

Wenn sich einmal im Jahr die Stasi-Landesbeauftragten
mit den Verfolgtenverbänden zum Bundeskongress
treffen, erwartet man kaum mehr als die üblichen Rituale.

Die »Master Narratives« werden bedient, also bis 1989
die Hölle, dann Eingang in den Vereinigungshimmel.

Begleitet vom nahezu vollständigen Kritikfähigkeitsverlust
der einstigen Dissidenten gegenüber aktuellen Zuständen.

Wer in der DDR gelitten hat, findet an solchen Tagen in der
kollektiven Erinnerung an das Unrecht etwas Erleichterung.
Und die Forschung kann glänzen, wenn sie in der Nische
bislang unbekannte Übeltaten entdeckt, die im Namen des
angestrebten Kommunismus begangen wurden.

Dass man sich am vergangenen Wochenende in Dresden nicht
ausschließlich in der nochmaligen Negation des Überwundenen
erschöpfte, ist vor allem zwei herausragenden Podiumsgästen
aus Polen und Ungarn zu danken.

Der Historiker Basil Kerski, Leiter des vor sieben Jahren gegründeten
Europäischen Solidarnosc-Zentrums in Gdansk, schlug den Bogen
in die Gegenwart.

Und János Can Togay, Direktor des vom ungarischen Staat geförderten
Collegium Hungaricum Berlin, lieferte mit einer Beschreibung der
ungarischen Transformationsgesellschaft Erklärungen für den
Rechtstrend in seinem Heimatland.

Unausgesprochen stand bei ihrem Podium im Sächsischen Landtag
der alte Vorwurf im Raum, unsere mittel-osteuropäischen Nachbarn
hätten mit den Eliten des Ancien Regime nicht gründlich genug
aufgeräumt.

Während Historiker Rainer Eckert vom Zeitgeschichtlichen Forum
Leipzig den Egon-Krenz-Terminus »Wende« strikt ablehnte
und auf der »Friedlichen Revolution« beharrte, stellte Kerski
für sein Land in Frage, ob es sich 1989 überhaupt um eine
Revolution gehandelt habe.


Eine solche hätten die regierenden Kaczynski-Brüder später
von oben nachzuholen versucht, während es sich zuvor eher
um evolutionäre Entwicklungen gehandelt habe.

Die lange Vorbereitung durch die Solidarnosc-Gewerkschaft
oder die widersprüchliche Rolle von Ex-Ministerpräsident
Wojciech Jaruzelski sprächen dafür.

»Es gibt eine uneinheitliche Erzählung zum Umbruch in Polen«,
sagte Basil Kerski. Schon die Solidarnosc sei pluralistisch
gewesen. Nach 1989 sei Polen erst recht in einzelne Milieus
zerfallen, den Katholizismus eingeschlossen.

Folglich plädierte Kerski für eine kritische Rückschau auf 89,
»um damit die Köpfe und Herzen der jungen Leute zu öffnen«.

Denn die seien »ermüdet von der Geschichtsträchtigkeit«
und sehnten sich nach Normalität.

Und hätten zudem bemerkt, dass die Ideale der 89er nicht mit
der gegenwärtigen gesellschaftlichen Realität übereinstimmten.

János Togay bekräftigte Beobachtungen seines polnischen Kollegen.

Auch die ungarische Gesellschaft sei inclusive der ehemaligen
antikommunistischen Eliten tief gespalten.

Die Menschenrechtler hätten sogar immer weniger Kredit,
weil sie auf die freie Marktwirtschaft gesetzt hatten.

25 Jahre »Politokratie« hätten die
gesellschaftliche Anteilnahme gelähmt.


Und der doch wünschenswerte Westen habe eben auch
die »kalten Schauer des Kapitals« gebracht, der keine
Selbstverteidigungsorganisation gegenüberstand.

Drei Millionen Ungarn lebten heute unter der Armutsgrenze.

»Wie viele Menschen erreichen wir wirklich?« fragte Rainer Eckert
angesichts des dürftigen Geschichtswissens vieler Jugendlicher in
die Runde. Die nahm sich im Plenarsaal des Sächsischen Landtages
noch einseitiger aus als mancher Linksparteitag.

Unter den Veteranen fanden sich aber doch drei Abiturienten, die
den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten mit Recherchen
zum ehemaligen Frauengefängnis Hoheneck gewonnen hatten.

Dieses Kapitel »Fragen an die Vergangenheit« förderte etwas über
unterdrückte renitente Sorben und medizinisch zwangsbehandelte
Frauen zutage.

Wer beim Kongress nicht zutage trat,
war Bundesbehördenchef Roland Jahn.


Es darf spekuliert werden, denn es kracht gewaltig um seine
Person und die beabsichtigte Umgestaltung von Außenstellen.

Quelle: http://www.neues-deutschland.de




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