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Stasi-Agent . . . Der Spion, der aus Frankfurt kam

verfasst von Manfred Willi Lerch, 18.08.2016, 22:50

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17. August 2016

Stasi-Agent Der Spion, der aus Frankfurt kam

Von Andreas Förster

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In der Geschichte der Stasi-Agenten bleibt noch vieles im Dunkeln.
Foto: istock


Schweizer Unterlagen bringen ans Licht, dass Stasi-Agent
Manfred Geyer eine wichtige Rolle bei der Anwerbung
hochrangiger westdeutscher Vertrauenspersonen spielte.


Ein Buch-Auszug von Andreas Förster.

Die Mitarbeiter im Kommissariat IV der Schweizer Bundespolizei haben gerade ihre Mäntel ausgezogen und sich an ihre Schreibtische gesetzt, da klingelt schon das Telefon. Es ist ein Ferngespräch aus Deutschland, vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Die Kollegen aus Köln brauchen dringend Hilfe: Heute, am 15. September 1976, werde der deutsche Staatsangehörige Manfred Geyer mit der Lufthansa nach Zürich kommen und am selben Tag wieder nach Frankfurt zurückfliegen. Da die Maschine ausgebucht ist, können keine Observationskräfte vom BfV mitreisen. Würden daher bitte die Schweizer Kollegen den Deutschen überwachen, wenn er gegen 10 Uhr auf dem Flughafen Kloten landet?, lautet die Anfrage. Man müsse wissen, wo sich Geyer in Zürich aufhalten wird und mit wem er sich trifft.

Die Deutschen liefern auch gleich noch den Grund für die Aufregung mit, wie ein Vermerk der Bundespolizei verrät: „Es besteht der dringende Verdacht, dass es sich bei Geyer um einen eingeschleusten Geheimen Mitarbeiter eines östlichen Nachrichtendienstes handelt.“ In der BRD sei man seinerzeit per Zufall auf ihn gestoßen, als er sich auffällig um eine Medizinstudentin bemühte, deren Mann nun im Auswärtigen Amt tätig sei. Zuletzt habe Geyer Beziehungen zum Wirtschaftsministerium in Bonn unterhalten. Gleich nach dem Anruf alarmiert die Bundespolizei eine operative Observationseinheit am Flughafen.

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Andreas Förster,„Eidgenossen contra Genossen
Wie der Schweizer Nachrichtendienst DDR-Händler
und Stasi-Agenten überwachte“,
Ch. Links Verlag 2016, 224 Seiten, 22 Euro.
Foto: Ch. Links Verlag


Doch der Grenzpolizist, der die Observateure bei der Passkontrolle auf Geyer aufmerksam machen soll, verwechselt die Personen. Und so steigen die Beamten den ganzen Tag über einem Vertreter der Bremer Vulkan Werft nach, der mit Geyer im selben Flugzeug saß und hinsichtlich der Personenbeschreibung große Ähnlichkeit mit der eigentlichen Zielperson aufwies, wie sich der Verantwortliche des Einsatzes später für die Panne rechtfertigt. Erst beim Einchecken für den Rückflug am späten Nachmittag bemerken die Beamten ihren Irrtum. Aber sie haben Glück im Unglück: Der richtige Geyer nimmt denselben Rückflug nach Frankfurt wie der Vulkan-Vertreter. So können die Beamten wenigstens noch ein Foto des Spions im Transitraum schießen.

Der Fall des mysteriösen Frankfurter Geschäftsmannes ist eine bis heute weitgehend ungeklärte Agentengeschichte aus dem Kalten Krieg. Ihre Hintergründe sind kaum bekannt, weil Stasi-Unterlagen über den Spion offenbar vernichtet wurden und die westdeutschen Nachrichtendienste ihre Ermittlungsakten zu dem Fall Geyer weiterhin unter Verschluss halten. Im Berner Bundesarchiv aber sind nun Unterlagen zu dem Vorgang aufgetaucht. Denn anders als die Bundesrepublik und ihre westlichen Verbündeten, die nach wie vor eine Einsicht in ihre Akten aus dem Kalten Krieg blockieren, haben die Schweizer ihre Archive jetzt zumindest teilweise geöffnet.

Mit einer Genehmigung des Eidgenössischen Justizdepartements kann man nun die bis 1989/90 reichende Unterlagen von Schweizer Bundesanwaltschaft und Bundespolizei einsehen, die der eidgenössische Staatsschutz einst über In- und Ausländer führte, die der Spionage oder illegaler Handelsgeschäfte mit dem Ostblock verdächtigt wurden. Und so gibt es dank der Akten des Schweizer Bundesarchivs nun erstmals ein Bild des bis heute nie enttarnten Ost-Agenten, der mindestens ein Jahrzehnt lang in einer der aufwendigsten und wichtigsten Operationen der für Auslandsspionage zuständigen Stasi-Hauptverwaltung A (HVA) in der Bundesrepublik eine zentrale Rolle spielte.

Die Rede ist vom HVA-Projekt „Basis“, auch „Vorgang B“ genannt. Ziel der Ende der 1960er Jahre angelaufenen Operation waren Auswahl und Anwerbung von hochrangigen westdeutschen Vertrauenspersonen durch in den Westen eingeschleuste Stasi-Agenten. Nach den Erkenntnissen deutscher Geheimdienste, die sie nach der Wiedervereinigung aus Gesprächen mit Überläufern gewinnen konnten, hatte die HVA im Verlauf von „Projekt Basis“ rund 400 Personen aus Politik, Wirtschaft und Medien auf die Möglichkeiten einer nachrichtendienstlichen Zusammenarbeit überprüft; bei der Hälfte der Kandidaten soll demnach die Anwerbung durch die HVA erfolgreich gewesen sein.

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Der Spion Manfred Geyer, fotografiert bei einer Observation.
Foto: Repro: Andreas Förster


Eine wichtige Rolle im „Vorgang B“ spielte offenbar von Beginn an auch der mysteriöse Manfred Geyer, der den Schweizer Observateuren an jenem Septembertag 1976 durchs Netz gegangen war. Geyer, in dessen gefälschtem Reisepass der 6. Februar 1927 als Geburtsdatum stand, war im März 1966 nach Grainau in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen gezogen. Angeblich kam er aus Algerien, wo der gebürtige Berliner zuvor gelebt haben will. Tatsächlich aber dürfte er wohl auf HVA-Kosten jahrelang herumgereist sein, um zunächst einmal seine eigentliche DDR-Herkunft zu verwischen.

Das ergaben jedenfalls spätere Ermittlungen des Bundeskriminalamtes: Demnach hatte sich Geyer seit Anfang der 1960er Jahre erst einige Zeit in Nordafrika aufgehalten, um danach zeitweilig in Österreich und der Schweiz, in Frankfurt am Main und Westberlin zu leben. Auch im bayerischen Grainau blieb er nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik nur ein Jahr, bevor er 1967 nach Frankfurt umzog, wo er ein Gewerbe als Handelsvertreter in der Lebensmittelbranche anmeldete.

Schon drei Jahre zuvor aber, so erinnerten sich später vom BKA befragte Zeugen, war Geyer bereits von dem millionenschweren Osthändler Horst Bosse aus Bad Honnef unter die Fittiche genommen worden. Was man heute weiß: Auch Bosse war Stasi-Agent, Deckname „Jäger“. Die HVA schätzte besonders sein Talent, Kontakte zu Bonner Politikern zu knüpfen: Bosse war mit Walter Scheel und Hans-Jürgen Wischnewski befreundet, er verkehrte mit Rolf Dahlgrün, Wolfram Dorn und vor allem mit Karl Wienand, bis 1974 sozialdemokratischer Fraktionsgeschäftsführer im Bonner Bundestag und rechte Hand des langjährigen SPD-Fraktionschefs Herbert Wehner.

Über Bosse gelang es der Stasi offenbar auch, ihren Agenten Manfred Geyer in jene politischen Kreise hineinzuspielen, die man im „Projekt Basis“ anvisierte. Der Osthändler ebnete Geyer den Weg in die Bundesministerien für Wirtschaft und Entwicklungshilfe und vermittelte ihm den Kontakt zu einflussreichen Bundestagsabgeordneten. Darüberhinaus sorgte Bosse dafür, dass die geschäftlich mit ihm verbundene und damals noch in Zürich ansässige Handelsfirma Primavera AG Geyer 1967 die Generalvertretung für die Bundesrepublik übertrug. Mit dieser Tarnung als Kaufmann konnte der Stasi-Agent seine Einkünfte erklären und sich den Zugang in Politikerkreise sichern. 1972 kam Bosse bei einem Autounfall in der DDR ums Leben. Das BfV, das den umtriebigen Händler wegen dessen auffallend häufiger Reisen in die DDR schon seit einiger Zeit ins Visier genommen hatte, legte die Akte Bosse danach zunächst ins Regal. Ein Glücksfall für Geyer, den der Verfassungsschutz zu dieser Zeit offenbar noch nicht auf dem Schirm hatte.

Noch ahnungsloser als die deutschen Verfassungsschützer scheint jedoch die Schweizer Bundespolizei gewesen zu sein. Aus dem Geyer-Dossier im Berner Bundesarchiv geht hervor, dass die Aktivitäten der Primavera AG in der Züricher Löwenstraße 49 den Eidgenossen bis zum Kölner Hinweis auf den geheimnisvollen Stasi-Agenten nicht aufgefallen waren. Das sollte sich nun aber ändern, zumal auch die deutschen Kollegen vom BfV auf Ermittlungen der Schweizer drängten. Und so eröffnete die Bundespolizei den Vorgang „Gamma 13“, mit dem die Hintergründe um den Stasi-Agenten Geyer und dessen Verbindungen zu der geheimnisvollen Aktiengesellschaft in der Züricher Löwenstraße aufgeklärt werden sollten.

Geyer jedoch war inzwischen der Boden in der Bundesrepublik zu heiß geworden, nachdem im Sommer 1976 mehrere übergesiedelte HVA-Agenten in der Bundesrepublik aufgeflogen waren. Am 22. September 1976, nur eine Woche nach seinem Ausflug nach Zürich, setzte sich der Mann am Frankfurter Flughafen in ein Flugzeug und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Die HVA hatte ihren Spion in die DDR zurückkommandiert.

Für den deutschen Verfassungsschutz ging es nun nur noch darum, wenigstens die Spuren zu sichern, die der Spion hinterlassen hatte. Und dabei sollten auch die Schweizer Behörden mithelfen. „XVI (gemeint ist das BfV – d.A.) bittet um Klärung von Geyers Geschäftsverbindungen zur Firma Primavera“, notierte die Bundespolizei am 5. Mai 1977. Die Ermittlungen aber brachten kaum Erkenntnisse. Ein 77-jähriger Schweizer, der als Direktor der Primavera AG fungierte, gab in einer Vernehmung zwar an, Geyer zu kennen. Aber Geschäfte seien mit dem Mann nie zustande gekommen, sagte er aus.

Stattdessen sei der Deutsche zweimal jährlich bei ihm mit einem Scheck des Wiener Bankhauses Schoeller über jeweils 30 000 Schweizer Franken erschienen. Der Primavera-Direktor sollte die Schecks einlösen und den Betrag als angebliche Provision seiner Firma auf Geyers Privatkonto in Deutschland überweisen. Er habe dies aus Gefälligkeit getan, auch wenn dies „eine nicht ganz saubere Handreichung“ gewesen sei, gab der Mann zu.


Ermittlungen brachten kaum Erkenntnisse

Im Februar 1977 – da war der mutmaßliche Spion schon seit einem halben Jahr verschwunden – habe er noch einmal einen handschriftlichen Brief Geyers erhalten, dem ein weiterer Scheck über 30 000 Franken von der Schoeller-Bank beilag, sagte der Direktor aus. Den habe er eingelöst und wie üblich auf das Frankfurter Privatkonto von Geyer überwiesen. Ihre Erkenntnisse im Fall „Gamma 13“ meldeten die Schweizer Behörden an ihre deutschen Kollegen beim BfV.

Derweil waren die Kölner auf eine neue Spur gestoßen: In den Steuerunterlagen in Geyers Frankfurter Wohnung habe man Einzahlungsbelege der Schweizerischen Volksbank (SVB) Zürich gefunden, meldete das Bundesamt nach Zürich.

Könne die Bundespolizei bitte herausfinden, wem das Konto mit der Nummer 105.457 gehört? Das Schweizer Bankgeheimnis war ein Fall für die Bundesanwaltschaft in Bern. Und so schickte die Behörde im September 1977 ein schriftliches Auskunftsbegehren an die SVB. In dem Schreiben wird das Geldhaus um „Auskunft über die gesamte von Ihrem Institut mit Manfred Geyer geführte Geschäftstätigkeit“ ersucht.

Bei Geyer handele es sich „um einen illegalen Agenten, der unter falscher Identität in der Schweiz und in der BRD gelebt hat“. Die Bank parierte: Schon nach wenigen Tagen übergab sie den Ermittlern die gewünschten Auskünfte über das angefragte Depot samt Kontounterlagen. Demnach habe Geyer bereits 1966 ein Depositenheft bei der Schweizerischen Volksbank eröffnet, das jetzt noch ein Guthaben von mehr als 50 000 Schweizerfranken aufweise. „Wir nehmen an, dass Sie damit einverstanden sind, dass wir einstweilen das Heft gesperrt halten“, teilte die Bank „mit vorzüglicher Hochachtung“ der Bundesanwaltschaft mit.

Nun eröffnete die Bundesanwaltschaft ein gerichtspolizeiliches Ermittlungsverfahren gegen Geyer. Offenbar mit einer klaren Absicht, wie ein handschriftlicher Vermerk des Chefs der Bundespolizei in den Akten vermuten lässt: Die Bundesanwaltschaft „möge die Beschlagnahme bzw. Einziehung (des Bankguthabens von Geyer – d.A.) prüfen“, heißt es dort. Dem kam die Bundesanwaltschaft am 20. Oktober 1977 nach. „Es ist anzunehmen, dass es sich … beim ganzen, auf dem genannten Depositenheft verbliebenen und gesperrten Betrag von Fr. 50.234,55, um die Belohnung für bzw. Finanzierung von bereits geleisteter oder noch zu leistender nachrichtendienstlicher Tätigkeit zugunsten eines DDR-Nachrichtendienstes handelt … Das Geld ist an die Bundeskasse zu überweisen“, heißt es in einer Verfügung der Behörde.

Gleichzeitig stellte die Behörde das Ermittlungsverfahren gegen Geyer ein – nach gerade mal einer Woche Dauer. So bleibt der Anschein, als habe das Verfahren letztlich nur dazu gedient, die Bundeskasse mit den 50 000 Franken des Stasi-Spions Geyer zu füllen. Die Schweizer Akte über den Stasi-Spion endet im Oktober 1979 mit einem Hinweis an alle Polizeidienststellen, bei einer „allfälligen Einreise“ von Geyer eine Überwachung einzuleiten. Die Firma Primavera zog in einen anderen Kanton um und arbeitete unter neuer Führung weiter, bis über das Ende der DDR hinaus. Aus überlieferten Stasi-Akten geht hervor, dass sie spätestens seit Anfang der 1980er Jahre wieder eine wichtige Rolle in den geheimen Embargo- und Finanzgeschäften der Stasi spielte. Den Schweizer Behörden jedoch blieb das offenbar verborgen.


Quelle: http://www.fr-online.de

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