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15. Forschungsheft über Inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums
für Staatssicherheit im Gesundheitswesen des Kreises Gardelegen
Stasi-Spitzel in Weiß ohne Gewissenskonflikte
Von Wolfgang Schulz
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In der ehemaligen Poliklinik in Gardelegen (Foto von 1994) waren mehrere Zahnärzte tätig.
Mindestens 17 Stasi-Spitzel haben im Gesundheits- und Sozialwesen
des Kreises Gardelegen im ehemaligen Bezirk Magdeburg spioniert.
Ulrich Mielke ist ihnen in seinem 15. Forschungsheft im
Auftrag des Bürgerkomitees Sachsen-Anhalt auf der Spur.
Am 22. Juni 2009 stellt er seine Forschungsergebnisse in Magdeburg am Moritzplatz vor.
Magdeburg. Sie nannten sich " Professor Ernst ", " Karl Förster ", " Ulf Steinfeld " oder " Julius " und waren als Ärzte, Schwestern und Verwaltungsangestellte im einstigen Kreiskrankenhaus Gardelegen, im Landambulatorium Zichtau und anderen Gesundheitseinrichtungen tätig. Ihr gemeinsames Merkmal : Als Inoffizielle Mitarbeiter ( IM ) des Ministeriums für Staatssicherheit ( MfS ) verrieten sie Patienten, Freunde und andere Mitmenschen an die DDR-Geheimpolizei. Einige von ihnen haben ein kleineres Sündenregister, andere haben ihre ärztliche Schweigepf icht gebrochen und wieder andere haben dafür gesorgt, dass unschuldige Menschen ins Gefängnis gekommen sind. Das alles ist mit Stasi-Akten belegt, die der Autor des 15. Forschungsheftes, Ulrich Mielke, bei der Birthler-Behörde einsehen konnte.
Nachdem Mielke die " Bearbeitung " der Stasi-Spitzel an der Medizinischen Akademie Magdeburg und den Bezirkskrankenhäusern abgeschlossen hat, beschäftigt er sich mit den einzelnen Kreisen des ehemaligen Bezirkes Magdeburg. Im Band 14 waren es die Spitzel aus dem Gesundheits- und Sozialwesen des Kreises Osterburg, nun also ist der Kreis Gardelegen abgeschlossen, Stendal ist bereits in Arbeit. In dem aktuellen Band sind außerdem neueste Erkenntnisse aus den Pfeifferschen Stiftungen in Magdeburg sowie über Spitzel im Bezirks-Hygiene-Institut Magdeburg und in der Kreis-Hygieneinspektion Magdeburg enthalten.
17 IM aus dem Kreis Gardelegen im Visier
" Richtig abschließen kann man die Forschungsarbeit über eine Einrichtung oder einen Kreis nie ", sagte Mielke in einem Gespräch mit der Volksstimme. In der Außenstelle Magdeburg der Stasi-Unterlagenbehörde kämen regelmäßig neue Erkenntnisse zutage, die entsprechend bearbeitet und in dem jeweils neuesten Forschungsheft veröffentlicht würden.
Der Band 15 enthält Akten über 17 IM aus dem Kreis Gardelegen, von denen acht Human- bzw. Zahnmediziner sind. Drei Kreisärzte werden als Stasi-Spitzel enttarnt, ebenso ein Kreiszahnarzt. Mielke nennt sie mit Klar- und Decknamen, zeigt ihre Verpf ichtungserklärungen und schildert anhand der Akten die Spitzeltätigkeit.
Wichtigster Informant war " Professor Ernst "
Zu den Zuträgern aus dem Kreiskrankenhaus Gardelegen gehörte der IM " Professor Ernst ", ein Facharzt für Chirurgie. " Er war nicht der einzige, aber wohl der wichtigste Informant für das MfS im Kreiskrankenhaus ", stellt Mielke fest. Der heute 65-jährige Arzt hatte in Magdeburg studiert und operierte ab 1969 im Kreiskrankenhaus. 13 Jahre lang bis Ende 1989 informierte er, so die Stasi selbst, " über Probleme und Konf ikte unter Ärzten und dem medizinischen Personal, die eventuell motivbildend für einen ungesetzlichen Grenzübertritt " sein konnten.
Der Oberarzt war sich für nichts zu schade. In einem Bericht vom 7. 3. 1980 schreibt IM " Professor Ernst " : Dem Auftrag des MfS entsprechend habe ich am heutigen Tage während der Mittagszeit die Handtasche der ( geschwärzt ) untersucht. Ich stellte dort ein Schlüsselbund fest, woran sich drei normale Bartschlüssel befanden. " Es folgt eine ausführliche Beschreibung des weiteren Tascheninhaltes.
Wie aus den Unterlagen zu entnehmen ist, spitzelte der IM im MfS-Auftrag auch bei mindestens einer Reise in die Bundesrepublik, wofür ihm 200 DM Reisekosten mit auf den Weg gegeben wurden. Konspirative Hausdurchsuchungen und den Einbau von " Wanzen " durch die Stasi in Wohnungen von Kollegen unterstützte der Oberarzt, indem er Arbeitskollegen bis 19 Uhr beschäftigte.
1983 war in einer Beurteilung über IM " Professor Ernst " zu lesen : " Im Rahmen seiner objektiven Möglichkeiten erklärt er sich bereit,
aktive Handlungen im Interesse des MfS durchzuführen, was er im Verlauf der inofflziellen Zusammenarbeit mehrmals unter Beweis gestellt hat, ohne daß sich bei ihm Gewissenskonfikte zeigten. "
Dazu Mielke : " Gewissenskonflikte können sich nur zeigen, wenn man auch ein Gewissen hat. "
Als einen " besonders heimtückischen Inoffiziellen Mitarbeiter " bezeichnet Mielke den IM " Karl Förster ". Dahinter verbarg sich ein 1934 geborener Diplompsychologe, der zunächst als Psychologe und Psychotherapeut in der Poliklinik Magdeburg-Mitte und ab 1981 in der Ambulanz Hopfenstraße in Gardelegen tätig war. Er spionierte bis zum 7. November 1989 hauptsächlich Patienten aus.
" Es liegt Patientenverrat in erheblichem Ausmaß vor ", stellt Mielke fest, obwohl der IM als Psychologe genau wie ein Arzt der Schweigepf icht unterlag. " Wenn er es für notwendig hielt, verriet er jeden aus eigenem Antrieb oder auf Anforderung von Seiten des Führungsoffziers an die Geheimpolizei ", heißt es im Forschungsheft. Die Akten nennen zahlreiche Vorgänge, durch die Personen der Stasi ausgeliefert wurden. Dafür erhielt IM " Karl Förster " Geldzuwendungen in Höhe von mehreren tausend Mark bzw. Präsente.
" Wenn ein Psychologe die Seele eines Menschen durchforscht und dessen Gedanken und Gefühlswelt an die Stasi verrät, so liegt für mich hierin
eine besondere Heimtücke ", so Mielke. " Mir fehlen die Worte ", sagte
er. Ihm sei beim Lesen der Akte IM " Karl Förster " übel geworden.
Nicht viel besser ergangen sein dürfte es dem Autor mit der Akte IM " Ulf Steinfeld ". Der heute 58-jährige Facharzt für Sozialhygiene war zunächst Kreisarzt in Kalbe / Milde und dann in Gardelegen. Die Besonderheit bei ihm war, dass er schriftliche Berichte nicht anfertigte, er berichtete mündlich. Auch lehnte er materielle Zuwendungen ab. " Gegen die Annahme einer Flasche Weinbrand ( 38 Mark ) am 19. 12. 1988 hatte er allerdings nichts einzuwenden ", geht aus den Akten hervor. Die Stasi urteilte über " Ulf Steinfeld " : " Der IM hat durch eine gute und diziplinierte Arbeit dazu beigetragen, daß der OV ( Operativer Vorgang, ws ) mit Haft abgeschlossen werden konnte. " Anders herum gesagt : Der Kreisarzt trug dazu bei, dass die im OV bearbeitete Person ins Gefängnis kam.
Kleines Ambulatorium mit großem Zuträger
Das Landambulatorium Zichtau im Kreis Gardelegen wurde über viele Jahre von einem Allgemeinmediziner geleitet, der als IM " Berger " auf der " Grundlage der Überzeugung ohne schriftliche Verpfichtung " geworben wurde. Die Verpfichtung sollte nachgeholt werden, was aber nie geschah, dafür lieferte der IM massenhaft Berichte. Der inzwischen verstorbene Arzt gehörte zu den " Fußballfans ", die von der Stasi für Spiele des 1. FC Magdeburg gegen westdeutsche Mannschaften ausgewählt wurden. Dafür erhielt er dann auch noch Geld. In seinen Berichten informierte er die Stasi über die Absicht von Patienten, in den Westen abzuhauen, wenn diese ihm das anvertraut hatten. IM " Berger " unternahm selbst sehr gern größere Reisen mit dem eigenen Pkw. " Auch während dieser Reisen löste er operative Probleme ", freute sich die Stasi. " Niemand ahnte, dass der Leiter eines kleinen Landambulatoriums ein sehr effektiver Stasi-Spitzel war ", schreibt Mielke.
Ahnungslos war die DDR Bevölkerung auch über ein Phänomen, das Mielke mit dem IM " Joachim Schuster " beschreibt. Der heute 67-Jährige war mehrere Jahre als sogenannter Führungs-IM tätig und betreute bis zu zehn Spitzel.
Berufich war der FIM als Hygiene-Ingenieur in der Kreis-Hygieneinspektion Magdeburg ( KHI ) tätig und hatte dabei auch mit Ulrich Mielke zu tun, der von 1980 bis 1990 die KHI in einer Zusatztätigkeit unterstützte. Unter der Hand sei schon damals geflüstert worden, so Mielke heute, dass der leitende Hygieniker " bei der Stasi war ", aber : " Es hat fast 20 Jahre gedauert bis zur Enttarnung dieses intelligenten und umtriebigen Stasi-Spitzels ", schreibt Mielke.
Der IM " Joachim Schuster " war 1980 zielgerichtet geworben worden, um ihn als Führer für andere Spitzel einzusetzen. Zu den IM seines Netzes in Magdeburg gehörten der Direktor der Poliklinik Mitte Tränsberg, die Oberschwester der Poliklinik Nord und der Direktor der Poliklinik für Stomatologie des Stadtbezirkes Mitte. Dazu kamen sieben weitere IM, von denen bisher nur die Deck-, aber noch nicht die Klarnamen vorliegen.
Der Stadthygieniker war für die Funktion als FIM geeignet, weil er, so die Stasi, seinen Tagesablauf variabel gestalten und seine dienstlichen Termine überwiegend selbständig planen und koordinieren konnte. " Seine Funktion im Arbeitsbereich und die zu ihm gehörenden Pf ichten legendieren seine Abwesenheit im Arbeitsbereich wie auch im Freizeitbereich seiner Familie gegenüber ", begründete das MfS die Werbung. IM " Joachim Schuster " nutzte für seine Spitzeltätigkeit sowohl den Dienst-Pkw als auch seinen " Trabi ".
Der Führungs-Spitzel hinterließ 800 Seiten
Von dem FIM sind vier dicke Akten mit insgesamt über 800 Seiten " zurückgeblieben ". Darin auch enthalten, dass er für die Stasi schon in seiner Werbungsphase den Wohnungsschlüssel von einem Mieter unter der Legende beschaffte, dass eine Schädlingsbekämpfung in den Räumen notwendig sei. Den dann vermutlich angefertigten Nachschlüssel benutzte die Stasi, um sich konspirativ Zutritt zu der Wohnung zu verschaffen. Für seine mannigfaltige Spitzeltätigkeit erhielt der IM 46 Geldzuwendungen im Gesamtwert von 5237,60 Mark.
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Dokument erstellt am 19.06.2009 um 07:01:21 Uhr
Erscheinungsdatum 19.06.2009 | Ausgabe: mdx
Quelle: http://www.volksstimme.de
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