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Ex-Bautzen-Häftling kämpft gegen Verharmlosung des DDR-Regimes
Ehemalige Genossen sollen Vergangenheit nicht deuten dürfen
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Hartmut Richter
Foto: ddp
Bautzen (ddp-lsc). Abgeklärt wirkt Hartmut Richter, wenn er über
seine Haftzeit im Stasi-Knast "Bautzen II" spricht.
Drei Jahre lang war er dort als "Feind der DDR", wie er in einer sogenannten
Kurzeinschätzung im April 1978 beschrieben wird, inhaftiert.
"Haft in 'Bautzen II' - das bedeutete unter anderem tage- und wochenlange
Isolationshaft aus nichtigsten Anlässen und über die gesamte Zeit meiner
Inhaftierung nur eingeschränkter Kontakt zu den Eltern", erzählt er.
"Außerdem versuchte man, meine Mitgefangenen gegen mich aufzuhetzen,
indem man sie glauben machte, ich sei selbst ein Stasi-Spitzel."
Die vielen Tage der Isolationshaft in den "Tigerkäfige" genannten Zellen seien "besonders schlimm" gewesen. Durch ein Gitter konnte die Toilette vom Rest des Raumes abgetrennt werden, so dass der Gefängnisinsasse von der Willkür der Wärter abhängig war, wenn er seine Notdurft verrichten wollte. "Und wurde innerhalb des Käfigs ein Kübel hingestellt, roch der so unangenehm, als hätten ihn schon Generationen vorher genutzt", erzählt der 61-Jährige.
Ursprünglich war Richter 1975 zu 15 Jahren Haft verurteilt worden - er hatte seit 1972 über die Transitwege zwischen den westdeutschen Bundesländern und West-Berlin insgesamt 33 Menschen zur Flucht verholfen. Nach 18 Monaten in Berlin-Rummelsburg und den drei Jahren in "Bautzen II" wurde er 1980 von der Bundesrepublik freigekauft.
Heute berät er ehemals Verfolgte als Mitglied der Vereinigung der Opfer des Stalinismus. Zudem führt er Schulklassen durch den wohl bekanntesten Stasi-Knast in Berlin-Hohenschönhausen. "Es geht mir nicht nur darum, Seiten der DDR zu zeigen, die vor allem von ehemaligen DDR-Bürgern nicht so gern gesehen werden", erklärt er. Auch will er "den alten SED-Genossen, den ehemals Privilegierten, nicht auch noch die Aufklärung überlassen" - und meint damit unter anderem einige Politiker der aus der Sozialistischen Einheits-Partei (SED) hervorgegangenen Linken.
Auch andere in der DDR einflussreichen Kreise seien heute noch gut genug organisiert, "um durch eine ostalgische Verklärung des Regimes ihre eigene Verstrickung in das Unrecht, das der Staat verübte, zu verbergen oder zu relativieren", sagt Richter. So gebe es beispielsweise "viele DDR-Juristen, die heute wieder Recht sprechen dürfen". Dass er nach seinen Führungen hin und wieder in seine Autoreifen eingeschlagene Nägel finde, zeige ihm, dass er mit seinen Äußerungen durchaus einen empfindlichen Nerv treffe, sagt er.
Dass Aufklärung offenbar weiterhin nötig ist, bestätigt auch Susanne Hattig von der Stiftung Sächsische Gedenkstätten. Die Historikerin arbeitet in der Gedenkstätte, die in dem ehemaligen Stasi-Knast eingerichtet und 1994 eröffnet wurde. Mehr als 88 000 Besucher kommen jedes Jahr dorthin. Die meisten von ihnen aus Sachsen.
Wenn Hattig die Besucher durch die langen vergitterten Gänge und über mehrere Etagen an den ehemaligen Gefängniszellen vorbeiführt und dabei die Methoden schildert, mit denen die Stasi die Gefangenen einschüchtern wollte, "sind viele von ihnen überrascht ob des Schreckens, der sich in der DDR abgespielt hat - und der hier zum Teil sichtbar wird", erzählt sie.
Die Einwohner der Stadt selbst hätten den Stasi-Knast gar mit einer gewissen Naivität betrachtet. "Die meisten hielten es für ein normales Gefängnis", sagt Hattig. Auch von Ex-Häftling Richter ist zu hören, dass, nachdem im Wendeherbst immer mehr Informationen auch über die Behandlung von DDR-Regimegegnern an die Öffentlichkeit drangen, das "allgemeine Erschrecken" nicht nur in Bautzen groß gewesen sei. "Dass es so etwas wie einen Stasi-Knast für sogenannte Staatsfeinde überhaupt und dann auch noch in direkter Nachbarschaft zum eigenen Wohnhaus gegeben haben soll, konnten viele anscheinend nicht glauben", sagt er.
Tatsächlich liegt "Bautzen II" nur etwa 15 Gehminuten vom mittlerweile beinahe runderneuerten Zentrum der 41 000-Einwohner-Stadt entfernt. Während in einigen Randbezirken durchaus noch Sanierungsbedarf besteht, präsentiert sich die Altstadt infolge eines aufwendigen Renovierungsprogramms aufgeräumt und herausgeputzt. Die offenkundig gestiegene Attraktivität schlägt sich aber vorerst nur in den Touristenzahlen nieder.
Denn trotz einer vergleichsweise geringen Arbeitslosenquote hat Bautzen wie viele Städte in den neuen Bundesländern nach wie vor mit einem kontinuierlichen Einwohnerschwund zu kämpfen. Nach 1990 ist rund ein Fünftel der Bautzener weggezogen - seit der Jahrtausendwende hat die Abwanderungsdynamik allerdings deutlich nachgelassen. Das betrifft auch und vor allem junge Menschen und Familien, deren Zahl sich nach einem deutlichen Rückgang nach der Wende jetzt langsam zu konsolidieren scheint.
Tatsächlich sei das Image der Stadt über die Jahre besser geworden, schildert Susanne Hattig ihre Wahrnehmung - gleichwohl sie, im Kontakt mit den Besuchern der Gedenkstätte auch immer wieder auf Menschen treffe, "für die Bautzen gleich Stasi-Knast ist". Um dem entgegenzuwirken, sei weiterhin eine Aufarbeitung der Vergangenheit nötig. Hattig zufolge haben Stadt und Freistaat dazu schon viel beigetragen. "Dabei war die Stimmung unter den Bautzenern am Anfang eher gegen einen offensiven Umgang mit dem Thema", sagt sie. Aus Sicht der Bürger sei die Aufarbeitung der Vergangenheit nach der Wiedervereinigung erst einmal nicht die vordringlichste Aufgabe gewesen.
(ddp)
Erschienen am 06.06.2009
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Quelle: http://www.freiepresse.de
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