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Tom Moak

21.02.2013, 22:38
 

Neue Studie zu DDR-Spitzeln . . . Die schlanke Stasi

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21. Februar 2013, 18:21 Uhr

Neue Studie zu DDR-Spitzeln

» Die schlanke Stasi

Von Stefan Berg

War der Überwachungsapparat der DDR kleiner als angenommen?
Eine neue Studie stellt die hohe Zahl von Spitzeln in Frage - diese
habe auf teils abenteuerlichen Rechnungen basiert. Auch das Bild
des Stasi-Offiziers wird relativiert: Die Überwacher wurden selbst
genauestens beobachtet.


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Bild-Quelle: http://www.chbeck.de


Über den Verdacht, die DDR zu beschönigen, ist Ilko-Sascha Kowalczuk, 45, erhaben.
Unrecht und Unterdrückung in der ostdeutschen Diktatur haben den Historiker schon
im Studium beschäftigt; seit 2001 bemüht er sich als Wissenschaftler beim Bundes-
beauftragten für die Stasi-Unterlagen um Aufklärung der Geschichte.

Was Kowalczuk und seine Kollegen über die Methoden der Stasi und
ihrer hauptamtlichen sowie inoffiziellen Mitarbeiter herausfanden, hat
in der Vergangenheit immer wieder Beachtung gefunden.

Aufsehen ist Kowalczuk auch jetzt sicher. Denn der profunde Kenner des Unterdrückungsapparates ruft in einer neuen, mehr als 400 Seiten starken Studie zu einer "Generalinventur" auf: Die bisherige Auseinandersetzung mit dem DDR-Unrecht trage schwere Mängel. Man habe den Staatssicherheitsdienst "dämonisiert", ein Bild vom Geheimdienst geschaffen, welches "mit der Realität nichts gemein" habe.

Es geht also um Grundsätzliches: Zwanzig Jahre lang prägten Enttarnungen vieler Stasi-Zuträger die Debatte. Das Bild vom "Spitzelstaat" hat sich eingebrannt, es wurde gespeist aus immer neuen Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde. Die Geheimpolizei, nicht die herrschende Einheitspartei SED, wurde zum Markenkern des DDR-Geschichtsbilds.

Doch nun meldet Kowalczuk begründete Zweifel an.

Für die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit (BStU) ist der Text eine Herausforderung. Denn der härteste Vorhalt des streitbaren Kowalczuk trifft die Institution, in der er arbeitet: Deren Zahlenangaben zu Inoffiziellen Mitarbeitern basierten "auf Hochrechnungen und Schätzungen". Mit dem "Label IM" seien Menschen zu Inoffiziellen Mitarbeitern gemacht worden, "als wenn sie sonst nichts weiter gemacht hätten, als wenn sie nur IM gewesen wären". Sie seien reduziert worden auf "das Böse schlechthin".

Ist das bisherige Geschichtsbild also übertrieben, war das ostdeutsche Überwachungssystem
am Ende gar weniger schlimm als bislang angenommen?

Einige Wissenschaftler seien der Versuchung erlegen, sich "mit überzogenen Thesen ins Rampenlicht zu stellen", argumentiert Kowalczuk. Jede abwägende Haltung hingegen setze sich zwangsläufig dem Verdacht aus, die Stasi zu verharmlosen. Kenner wissen, wem der Vorwurf des Autors gilt: Experten wie dem BStU-Forscher Helmut Müller-Enbergs oder Stasi-Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe, die beide seit Jahren mit scharfen Thesen ehemalige Stasi-Leute attackieren. Mit ihnen sucht Kowalczuk nun den offenen Konflikt.

Viele Zuträger sind doppelt in der Gesamtrechnung erschienen

Der "medialen Skandalisierung" versucht er historisch präzise Untersuchungen entgegenzusetzen. Vor allem die Zahl von etwa 189.000 IM, die es laut BStU-Statistik 1989 in der DDR gegeben haben soll, hält Kowalczuk für übertrieben. Noch 1988 habe das Stasi-Ministerium von lediglich 110.000 IM gesprochen. Die Nachwende-Hochrechnung lasse unberücksichtigt, dass viele geworbene Zuträger unter verschiedenen IM-Kategorien geführt worden seien und dadurch doppelt in der Gesamtrechnung erschienen.

Zudem habe das Ministerium von Stasi-Chef Erich Mielke selbst beklagt, dass viele registrierte IM gar nicht berichtet hätten. 1987 wurden deshalb knapp 10.000 IM-Vorgänge archiviert. Karteileichen also, die nach Kowalczuk aus der Summierung abgezogen werden müssten.

Auf "abenteuerliche Weise" seien außerdem mehr als 13.000 IM der Auslandsspionage in das Zahlenwerk eingeflossen. Man habe nach 1990 Angaben aus zwei Bezirksabteilungen der Stasi für die gesamte Auslandsabteilung grob hochgerechnet. Aus Aktenvorgängen seien kurzerhand konkrete Personen konstruiert worden. Alles unseriös, konstatiert Kowalczuk. Der Versuchung, selber eine Gesamtzahl zu präsentieren, widersteht der Wissenschaftler. Ihm gehe es bei der Rechnerei ums Prinzip; mehr Präzision, weniger Hysterie, heißt seine Devise.

Der intensive Blick auf den Geheimdienst verzerrt das Bild der DDR

Das gilt auch für das Bild vom Stasi-Offizier, einem "Zerrbild" wie er findet. Unbestritten bleibe die Verantwortung der Hauptamtlichen für Spitzelei und Repression. Doch auch die Überwacher waren der Überwachung ausgesetzt: So abwegig es sich auch anhöre, argumentiert Kowalczuk, aber "keine Personengruppe" sei "so intensiv und systematisch" überwacht worden wie die der hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter selbst.

1989 saßen etwa 20 Personen in Haft, die im aktiven Stasi-Dienst verhaftet und dann verurteilt worden waren. Stasi-Mitarbeiter hätten in abgeschiedenen Wohnsiedlungen gelebt, in denen sie sich gegenseitig beobachtet hätten. "Ein großer Teil der MfS-Mitarbeiter stand unter Dauerkontrolle", so Kowalczuk.

Ihm gehe es nicht um die "Relativierung der Verbrechen der Staatssicherheit", sagt Kowalczuk. Der intensive Blick auf den Geheimdienst habe aber das Bild von der DDR verzerrt. Diese "Dämonisierung der IM und der Stasi" habe all jene "wunderbar entlastet", denen man dieses Label nicht habe anheften können, die SED-Mitglieder etwa.

Seinen Arbeitgeber, die Stasi-Unterlagen-Behörde, hat der Historiker bereits überzeugt: Natürlich basierten Teile der IM-Zahlen auf Hochrechnungen, so Sprecherin Dagmar Hovestädt. Der gesamte IM-Bestand der HVA kann nur durch Hochrechnungen und Schätzungen bestimmt werden. Und dann lobt sie: "Stasi konkret" gibt nun "neue Impulse für die Forschung. Das ist eine gute Basis für die Fortentwicklung der IM-Forschung".

Quelle: http://www.spiegel.de

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Tom Moak

25.02.2013, 18:22

@ Tom Moak
 

Fixierung auf Stasi verharmlost die Rolle der SED

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Streit um Zahl der Stasi-IM Wer gehört in die Statistik – und wer nicht?


25.02.2013 16:11 Uhr
von Matthias Schlegel


Über die Zahl der früheren Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Stasi ist
unter Forschern ein Streit entbrannt. Warum gehen die Ansichten so
weit auseinander – und welche Folgen hat das?


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Findet es gut, wenn Wissenschaftler bisherige Forschungsergebnisse hinterfragen:
Der Chef der Stasiunterlagenbehörde Roland Jahn

Foto: dpa


Ein Ermittlungsverfahren gegen Gregor Gysi im Zusammenhang mit einer eidesstattlichen Erklärung des Linkspartei-Fraktionschefs hat die breite Öffentlichkeit jüngst wieder auf das Thema Stasi aufmerksam gemacht.

In Kreisen von Wissenschaft und Forschung schlägt indes
ein viel grundsätzlicheres Thema große Wellen:
In seinem Buch „Stasi konkret“ stellt der Historiker
Ilko-Sascha Kowalczuk unter anderem die bisherigen
Forschungen zu Inoffiziellen Mitarbeitern (IM) in Frage.

Er bezweifelt, dass ihre Zahl tatsächlich so groß war, wie in den
Veröffentlichungen der Stasiunterlagenbehörde (BStU), die als
Standardwerke der Stasi-Aufarbeitung gelten, bislang dargestellt.

Besonders pikant dabei ist, dass Kowalczuk selbst wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Forschungsabteilung der Jahn-Behörde ist und mit seinem – außerhalb der Behörde veröffentlichten, aber von dieser genehmigten – Buch nun einen heftigen Streit im Haus ausgelöst hat, zumal Kowalczuk die Fakten aus seinem Manuskript vorab nicht mit anderen Mitarbeitern der Behörde abglich.

Kowalczuk beruft sich darauf, dass die Stasi selbst noch 1989 die IM-Kategorien „Gesellschaftliche Mitarbeiter für Sicherheit“ (GMS) und die „Inoffiziellen Mitarbeiter zur Sicherung der Konspiration und des Verbindungswesens“ (IMK) nicht in die IM-Übersicht eingerechnet habe. Das würde bedeuten, dass es statt der bislang immer genannten 189 000 IM nur rund 109 000 gegeben hätte.

Es gebe gute Gründe dafür, die zwei IM-Kategorien außen vor zu lassen, sagte Kowalczuk dem Tagesspiegel. So würden sich hinter IMK oft gar keine wirklichen inoffiziellen Mitarbeiter verbergen, sondern zum Beispiel hauptamtliche Mitarbeiter, die Wohnungen für konspirative Treffs unter einer falschen Identität anmieteten.

Auch seien viele IM doppelt erfasst worden. So seien bei seinen konkreten Nachforschungen zu 117 IMK aus Berlin-Prenzlauer Berg am Ende lediglich fünf übrig geblieben, die tatsächlich als IM gezählt werden könnten.

Kowalczuk stellt auch den Sinn der Zählung von GMS infrage. So seien manche ehemalige Kaderleiter oder Abschnittsbevollmächtigte (ABV) der Polizei als solche geführt worden, andere aber nicht, obwohl sie die gleichen Aufgaben wahrnahmen. „Nicht jeder, der IM war, hat Verrat begangen, und viele, die nicht IM waren, müssten im Nachhinein als Verräter eingestuft werden“, sagte Kowalczuk.

Er bezweifelt auch die Zahl von 1500 West-IM, die von der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) geführt worden sein sollen. Diese Zahl sei „hoch spekulativ“, weil nahezu alle Unterlagen der HVA vernichtet worden seien und sich diese Zahl vor allem aus Hochrechnungen ergebe.

Hier würden „aus Vorgängen reale Personen rekonstruiert“.

Indem er die Fragen zur Rolle der Stasi im allgemeinen und der inoffiziellen Mitarbeiter im besonderen neu stelle,
wolle er „die Uhren der Forschung nicht auf Null stellen, aber bestehende Blockaden wissenschaftlich überwinden“.


Kritik an Kowalczuks Forschung

Bestimmte Fragen seien bislang einfach noch nicht gestellt worden. Er schließt sich selbst nicht aus, wenn er die bisherige Stasi-Forschung kritisch betrachtet. „Ich war selbst Teil des Problems“, sagt Kowalczuk. Dass er mit seinen neuen Forschungen die Rolle der Stasi verharmlose, weist er allerdings vehement zurück. „Die großen IM-Fälle von Prominenten haben weithin das öffentliche Bewusstsein für diese Thematik geprägt“, sagt er.

Die gesellschaftliche Wirklichkeit sei aber damals eine ganz andere gewesen: „Die Stasi war ein wichtiges, aber nur ein Strukturelement des Herrschaftssystems. Das Bild wird in der Geschichtsbetrachtung verzerrt. Die SED muss wieder an Platz 1 gesetzt werden. Es handelte sich um eine SED-Diktatur und nicht um eine Stasi-Diktatur.“ Insofern gibt er den Vorwurf der Verharmlosung zurück: Die Fixierung der DDR-Aufarbeitung auf die Stasi verharmlose die Rolle der SED.

Der von den Vorwürfen Kowalczuks besonders betroffene Behörden-Forscher
Dr. Helmut Müller-Enbergs, der sich seit zwei Jahrzehnten mit dem IM-Thema
befasst und Autor der Standardwerke dazu ist, sagte dem Tagesspiegel auf
Anfrage:

„Ich habe von den neuen Zahlen des Behördenforschers Dr. Kowalczuk
aus der Zeitung erfahren. Eine innerbehördliche Diskussion vor
Veröffentlichung ist mir unbekannt.“ Darüber hinaus sei er zu
keinem weiteren Kommentar bereit.


In der Behörde selbst sind viele auf Kowalczuk sauer – wegen seines Alleingangs und wegen angeblicher Fehler in seinem Buch. So wird in Forscherkreisen betont, dass bereits aus der Publikation „IM-Statistik 1985 - 1989“ aus dem Jahr 1993 unmissverständlich hervorgehe, dass das MfS selbst in seinen Jahresausarbeitungen insgesamt alle sechs IM-Kategorien – einschließlich der von Kowalczuk in Frage gestellten – berücksichtigt habe.

Der Leiter der Stasiunterlagenbehörde, Roland Jahn, reagierte gelassen auf die Auseinandersetzung: „Es ist gut, wenn Wissenschaftler bisherige Forschungsergebnisse hinterfragen.

Wir brauchen die Freiheit der Wissenschaft, auch in der Erforschung
der Tätigkeit der Staatssicherheit in der SED-Diktatur“, sagte er
dem Tagesspiegel.

„Zahlen, so wichtig sie sind, sind kein Dogma“, bekräftigte er. Es gehe zudem um mehr als um das Hinterfragen der Zahlen. „Mir ist es ein Anliegen, das Thema Staatssicherheit qualitativ und konkret zu betrachten und damit Kategorien wie Denunziation, Verrat, Anpassung, Verhalten in der Diktatur zu beschreiben. Es geht nicht darum, ,Stempel zu verteilen’, sondern differenziert die Geschichte der SED-Diktatur zu betrachten“, sagte Jahn.

Intern hält die Behörde aber offenbar am bisherigen Forschungsstand fest.

Am vergangenen Montag erhielten alle Mitarbeiter eine entsprechende schriftliche Mitteilung der Behördenleitung.



Quelle: http://www.tagesspiegel.de



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Tom Moak

21.05.2013, 20:40

@ Tom Moak
 

Antwort Bundesregierung: Es gab 189 000 Stasi-IM

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Antwort auf Linken-Anfrage Bundesregierung: Es gab 189 000 Stasi-IM

21.05.2013 19:10 Uhr


von Matthias Schlegel

Ein Buch des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk hatte einen Streit unter Wissenschaftlern ausgelöst:
Wie viele Inoffizielle Mitarbeiter (IM) arbeiteten zu DDR-Zeiten tatsächlich für die Stasi?
Nun bezieht auch die Bundesregierung Stellung zu dieser Frage.


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Das ehemalige Dienstzimmer von Stasi-Chef Erich Mielke
- Foto: dpa

Im Wissenschaftlerstreit um die Zahl der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) der Stasi hat nun auch die Bundesregierung Position bezogen: „Die Zahl von 189 000 Inoffiziellen Mitarbeitern, auf die in den Tätigkeitsberichten des BStU (Bundesbeauftragten für die Unterlagen der DDR-Staatssicherheit – d. Red.) Bezug genommen wird, entspricht dem bisherigen Forschungsstand“, heißt es in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linken-Fraktion. Diese Zahl ist seit Jahren durch die Forschungsarbeit des Stasi-Experten Helmut Müller-Enbergs belegt, der sich seit zwei Jahrzehnten mit dem Phänomen der Inoffiziellen Mitarbeiter befasst, einschließlich derer, die auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik für die Stasi tätig waren.

In ihrer Antwort räumt die Bundesregierung jedoch ein, was auch für den Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk ein Beleg dafür war, dass die Zahl vielleicht deutlich niedriger anzusetzen sei: Ende 1988 sei das Ministerium für Staatssicherheit selbst davon ausgegangen, dass der Gesamtbestand 109 281 IM umfasst habe, wobei die Gesellschaftlichen Mitarbeiter für Sicherheit (GMS) und die Inoffiziellen Mitarbeiter zur Sicherung der Konspiration und des Verbindungswesens (IMK) nicht einberechnet worden seien.

In seinem Buch „Stasi konkret“ hatte Kowalczuk, der wie Müller-Enbergs auch Mitarbeiter der Stasiunterlagenbehörde ist, die Gesamtzahl von 189 000 IM in Zweifel gezogen, weil darin auch Doppelerfassungen enthalten sein könnten sowie Personen, die gar keine Informationen geliefert, sondern zum Beispiel nur ihre Wohnung für konspirative Treffen bereitgestellt haben könnten.

In den Vorbemerkungen zu ihrer Antwort auf die Linken-Anfrage stellt die Bundesregierung fest, die Veröffentlichung Kowalczuks sei „keine Publikation des Bundesbeauftragten, sondern der Beitrag eines einzelnen Autors zu einer wissenschaftlichen bzw. zeithistorischen Debatte, dessen Inhalt er persönlich verantwortet“. Weil das Buch in einer Nebentätigkeit des Autors entstanden sei, sei "keine behördeninterne Druckfreigabe erforderlich" gewesen, es sei also keine inhaltliche Prüfung der Aussagen Kowalczuks erfolgt.

Die Debatte über Zahl und Einordnung der Inoffiziellen Mitarbeiter werde seit vielen Jahren geführt und es existierten „eine Vielzahl unterschiedlicher Auffassungen“, heißt es weiter.

Die Bundesregierung weist auch darauf hin, dass die durch das Stasiunterlagengesetz (StUG) definierte Arbeit der Stasiunterlagenbehörde von dem Streit um die IM-Zahlen nicht berührt sei.

Wenn sich eine Person zur Lieferung von Informationen an den Staatssicherheitsdienst auf inoffizieller Basis bereit erklärt habe, sie dieser "aus archivischer Sicht nach dem StUG als inoffizieller Mitarbeiter anzusehen". Es sei "nicht entscheidend", in welcher "formalen oder statistischen Kategorie das MfS die Person geführt hat".

Nach dieser Lesart gehörten auch die Gesellschaftlichen Mitarbeiter für Sicherheit (GMS) zu dem Personenkreis, der sich zur Lieferung von Informationen an den Staatssicherheitsdienst bereiterklärt hätten.

Dass sie als IM eingestuft worden seien, habe auch die Rechtsprechung des Verwaltungsgerichts Berlin bestätigt, zuletzt mit dem Urteil vom 19. Oktober 2012.

Nach der verwaltungsgerichtlichen Rechtsprechung gehörten auch IMK, also Personen, die der Stasi ein Zimmer oder eine Wohnung zur Durchführung konspirativer Treffen zur Verfügung stellten, zum Personenkreis der IM im Sinne des Stasiunterlagengesetzes.

Die Zahl der von der Stasi in der Bundesrepublik geführten IM gibt die Bundesregierung mit "etwa 3000 bis 3500 Bundesbürgern" an, davon habe die Hauptverwaltung Aufklärung 1988 rund 1500 Bundesbürger erfasst, die übrigen seien von den anderen Abteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit geführt worden.

Genaue Zahlen seien jedoch "aufgrund der hohen Aktenverluste in diesem Bereich schwer zu ermitteln".

Sämtliche Angaben der Stasiunterlagenbehörde beruhten bislang auf Hochrechnungen oder früheren Schätzungen, die zum Teil mehr als 20 Jahre alt seien - ein Umstand, den auch Kowalczuk in seinem Buch kritisch vermerkt.


Quelle: http://www.tagesspiegel.de

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Tom Moak

11.03.2013, 22:49

@ Tom Moak
 

"Die DDR war keine Stasi-Diktatur"

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RADIOFEUILLETON: THEMA


11.03.2013 · 15:07 Uhr

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Blick auf das ehemalige Stasi-Gelände an der Normannenstraße in Berlin
Bild: picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke


"Die DDR war keine Stasi-Diktatur"

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk fordert
ein differenzierteres Geschichtsbild

Moderation: Klaus Pokatzky

Die Diktatur in der DDR wurde nicht allein von der Stasi getragen, sondern von der SED und einer Vielzahl weiterer Institutionen - das jedenfalls behauptet der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Außerdem müsse die bislang angenommene Zahl der Inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter deutlich nach unten korrigiert werden.

Klaus Pokatzky: "Die Firma" oder "Horch und Guck", das waren noch die harmloseren Begriffe, mit denen die Bürger der DDR das Ministerium für Staatssicherheit bedacht haben. "Rote Gestapo" war da schon weniger harmlos. Sich selber nannten die am Ende gut 50.000 hauptamtlichen Mitarbeiter der Stasi am liebsten "Tschekisten" nach dem sowjetischen Geheimdienst "Tscheka". Nach ihren Schredderaktionen in der untergehenden DDR sind von ihnen Akten übrig geblieben, die aneinander gereiht 111 Kilometer ergeben. Im gesamten Bundesarchiv der Bundesrepublik liegen zu mehreren Jahrhunderten deutscher Geschichte vergleichsweise wenig: 300 Aktenkilometer.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk von der Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen hat nun das Buch "Stasi konkret" geschrieben.

Guten Tag, Herr Kowalczuk!

Ilko-Sascha Kowalczuk: Schönen guten Tag!

Pokatzky: Wie viele Kilometer Stasi-Akten haben Sie geschafft bei Ihren Recherchen?

Kowalczuk: Das habe ich bisher noch nie nachgerechnet - sind bestimmt ein paar hundert Meter.

Pokatzky: Herausgepickt wurde aus Ihrem Buch sofort die Zahl der Inoffiziellen Mitarbeiter, der IMs des Ministeriums für Staatssicherheit. 189.000 sollen es ja am Ende der DDR gewesen sein, nach der bisherigen Forschung. Sie halten 80.000 weniger für realistischer, also knapp 110.000. Warum?

Kowalczuk: Also mein Buch stellt den Versuch dar, eine Gesamtgeschichte der Staatssicherheit im Rahmen der SED-Diktatur vorzulegen. Und im Rahmen dieses Buches habe ich mich auch mit der Frage der 91.000 hauptamtlichen Mitarbeiter logischerweise beschäftigt und mit einem der wichtigsten Instrumente der Stasi, der Inoffiziellen Mitarbeiter. Ich gucke mir die Kategorien genau an und frage, wie viel hat es da gegeben und von wie viel IMs ist die Staatssicherheit denn eigentlich selbst am Ende der DDR ausgegangen, und das waren 109.000.

Wobei ich gleich sagen muss, diese Zahlenspielerei, nach der sich das so anhört, die steht gar nicht so sehr im Fokus meines Interesses, sondern ich frage vielmehr: Gibt es eigentlich bisher eine qualitative historische IM-Forschung? Haben wir uns eigentlich bislang mehr als mit den Zahlen und mit den Kategorien der Staatssicherheit beschäftigt? Und komme zu dem Ergebnis, das gibt es bisher eigentlich nicht, und mahne einen neuen, einen historisierenden Blick auf das Spitzelwesen in der DDR an, weil ich nämlich zu der Auffassung gekommen bin, IM ist nicht gleich IM, und es gab IMs, die haben, so wie der IM ja arbeitet, wie wir das aus der Medienöffentlichkeit kennen …

Pokatzky: So als Denunzianten.

Kowalczuk: Als Denunzianten. Es gab aber auch ganz viele, die so nicht gearbeitet haben oder gar nicht gearbeitet haben. Und im Umkehrschluss komme ich dann auch zu der Auffassung und zu der Einsicht, dass es auch außerhalb der Staatssicherheit in der DDR sehr viel Denunziantentum gegeben hat.

Pokatzky: Aber wir haben uns ja auf diese Zahl jetzt wirklich festgelegt in den mehr als 20 Jahren Wiedervereinigung. 189.000 klingt ja auch noch weitaus pompöser als 110.000, die auch schon genug wären. Warum haben wir uns darauf so fokussiert? Hat irgendjemand davon auch profitiert, dass da möglicherweise noch etwas aufgebauscht wurde, aufgebläht?

Kowalczuk: In den Jahren nach der Revolution, in den 90er-Jahren, wurde ja insbesondere von der Politik immer lautstark vorgegeben, es käme darauf an, die DDR zu delegitimieren. Und ein ganzer Teil von Journalisten, von Politikern, aber auch von Fachkollegen waren ganz offenbar der Ansicht, dass man die DDR umso besser delegitimieren könnte, umso mehr man bestimmte Zahlenangaben, insbesondere zur Staatssicherheit, zu den Inoffiziellen Mitarbeitern, aber auch zu den politisch Verfolgten immer weiter in die Höhe treiben sollte. Und ich als Historiker habe nun die vornehme Aufgabe, so wie meine Kollegen, bestimmte Dinge einfach immer mal wieder kritisch zu hinterfragen, was anderes mache ich gar nicht.

Pokatzky: Wurden damit auch andere Verantwortlichkeiten für den Unterdrückungsapparat in den Hintergrund gespielt, also die Polizei, die Massenorganisationen und voran die Staatspartei SED?


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Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk
Bild: dpa / picture alliance / Arno Burgi

Kowalczuk: Das ist der Kernansatz meines Buches, dass ich sage, die DDR war keine Stasi-Diktatur, sondern eine SED-Diktatur, und im Rahmen dieser Diktatur hat die Staatssicherheit eine, aber eben auch nur eine wichtige Aufgabe übernommen, die Diktatur zeichnete sich durch eine Vielfalt aus von Institutionen, die dazu beitrugen, dass die SED-Diktatur funktionierte. Das besonders Perfide von SED und Stasi bestand vielleicht darin, dass es ihnen in den 70er- und 80er-Jahren gelungen ist, eine Omnipräsenz in der Gesellschaft zu suggerieren, die so nie gegeben war. Die meisten Menschen haben sich im Alltag so verhalten, als wenn Stasi und SED überall anwesend seien, was aber in der Realität gar nicht der Fall war. Aber das ist praktisch der große Sieg der Diktatur gewesen.

Pokatzky: Wurde dann die Effizienz der Stasi auch überschätzt?

Kowalczuk: Es wäre ja geradezu aberwitzig, wenn wir feststellen, dass die DDR im Großen und Ganzen gerade wirtschaftlich und in vielen anderen Bereichen, Technologiebereichen, Bürokratiebereichen nicht funktionierte und ausgerechnet der Stasi wurde nun immer unterstellt, dass die ganz perfekt alles im Griff gehabt hat. Auch hier komme ich zu einem anderen Urteil und sage, die Stasi hatte genau die gleichen Mängel in der Effizienz, in der Bürokratie wie alle anderen Institutionen in der DDR. Und sie war mitnichten so perfekt wie wir es bis heute glauben.

Pokatzky: Sie verlangen eine größere Differenzierung in Ihrem Buch, auch im Umgang mit Stasi-Verdächtigungen gegen einstige Inoffizielle Mitarbeiter - wie soll das gehen?

Kowalczuk: Mir geht es vor allen Dingen darum, erstens darauf hinzuweisen, dass unser IM-Bild, das wir haben, ja nicht von einem historischen IM ausgeht, sondern gebildet wurde von den großen Debatten der 90er-Jahre. Ob einzelne, herausgehobene Persönlichkeiten nun IMs waren oder nicht und was sie konkret getan haben. Und diese herausgehobenen Beispiele haben unser IM-Bild geprägt. Und da sage ich, so funktioniert das nicht. Und zugleich weise ich darauf zweitens hin, dass diese ganze IM-Debatte eine Stellvertreterdebatte war. Jeder, der nicht das Label IM abbekam, konnte sich gewissermaßen zurückziehen und konnte sagen, also, die anderen waren's, ich war das ja nicht. Die anderen sind schuld. Und ganz nebenbei ist so immer wieder aus der historischen Verantwortung für diese Diktatur die eigentliche Hauptauftraggeberin, nämlich die SED und dann auch ihre Nachfolgepartei, die PDS, gewissermaßen relativ ungeschoren aus der ganzen Nummer herausgekommen.

Pokatzky: Im Deutschlandradio Kultur der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk über sein Buch mit neuen Forschungen über die Stasi. Herr Kowalczuk, läuft etwas falsch in der Forschung und öffentlichen Bearbeitung der DDR-Geschichte bei uns?

Kowalczuk: Nein, so weit würde ich nicht gehen. Wir standen in den 90er-Jahren alle unter dem Eindruck der Öffnung dieser Archive, und das muss man eben auch erst mal lernen, dafür gibt es in der Geschichte auch kein Pendant, dass wir sagen könnten, wir hätten von dort oder dort lernen können. Die Aufarbeitung ist bislang immer anders gelaufen. Das hatte etwas mit der besonderen deutsch-deutschen Teilungssituation zu tun. Und auch die Historiker, die Journalisten, die Politiker mussten erst mal lernen, mit diesen Akten umzugehen, und das bedarf eben Zeit, und heute ist, glaube ich, der Zeitpunkt gekommen, wo man eben nicht nur nüchterner darauf schauen kann, sondern auch gewissermaßen, ich will das mal so nennen, um ein berühmtes Wort zu adaptieren, man muss auch mal aus der Tiefe des Raumes kommen.

Wenn man sich mit einem Thema beschäftigt und man kriegt Akten vorgelegt, dann kriegt man logischerweise, und man konzentriert sich darauf, immer auf die besonders spannenden. Die Mühe der Ebene in der Forschung besteht aber darin, aber auch mal einen tiefen Blick in die Akten zu nehmen, und dann wird man ganz schnell feststellen, zum Beispiel bei IM-Akten, dass in ganz vielen IM-Akten wirklich nur Banalitäten drin stecken, teilweise in den Akten mehr über die IMs ausgesagt wird, als dass die IMs etwas über andere ausgesagt hätten. Dazu bedarf man aber eines anderen Blicks, eines anderen Interesses, und, ganz nebenbei gesagt, dazu bedarf man auch in unserer Erregungsgesellschaft ein bisschen Mut, um an dieser Stelle mal ein bisschen gegen den Mainstream zu bügeln.

Pokatzky: Es gibt auch die Gefahr, dass Ihnen dadurch eine Verharmlosung der Staatssicherheit vorgeworfen wird.

Kowalczuk: Dieses politische Argument kommt immer. Das gab es auch in den letzten 20 Jahren, ist das allen entgegengeschlagen, die sozusagen versuchten zu differenzieren. Ich als Historiker habe die vornehme Aufgabe, zu differenzieren und genau hinzuschauen und darf mich nicht davon beeindrucken lassen, dass vielleicht der eine oder der andere der Meinung ist, ich würde damit verharmlosen. Ich drehe ja den Spieß um, ich sage ja, diejenigen, die sich nur auf die Stasi konzentrieren und die DDR als eine Stasi-Diktatur wahrnehmen, das sind die eigentlichen Verharmloser der SED-Diktatur. Mit solchen differenzierteren Bildern, wie ich sie anmahne und wie es ja auch andere Kollegen machen, kommt man den Funktionsmechanismen viel mehr auf die Spur. Und das Bild wird nicht heller, unter Umständen wird es sogar noch düsterer.

Pokatzky: Gegenüber den Inoffiziellen Mitarbeitern treten die Hauptamtlichen ja fast in den Hintergrund. Sie beschreiben deren Profil: fast alle in der SED, zwei Drittel jünger als 40 Jahre, leben in eigenen Wohngebieten. Jeder zweite aus einem Funktionärshaushalt. Es gab regelrechte Stasi-Familien, und die haben unentwegt sich mit sich selbst beschäftigt. Niemand wurde so überwacht wie die hauptamtlichen Stasi-Leute. Bei alldem - hat sie davon etwas besonders überrascht?

Kowalczuk: Na ja, ich bin ja selber in der DDR groß geworden und hab natürlich genug mitbekommen. Auch in meiner Klasse gab es einen Jungen, dessen Vater bei der Staatssicherheit gearbeitet hat und überall hat man das mitbekommen, und insofern habe ich natürlich ein bisschen etwas von deren Alltag, auch von diesem verlogenen Alltag mitbekommen. Aber in der Masse, was das auch mit den Leuten anstellte, das war für mich schon eine Überraschung in den letzten Jahren, das mal genauer anzuschauen und diese Deformationen, die es da vielfältiger Art gab, das hat mich so schon überrascht.

Pokatzky: Was waren das für Deformationen, wie haben die sich geäußert?

Kowalczuk: Na ja, Sie müssen sich vorstellen, wenn Papa und Mama beide bei der Staatssicherheit arbeiteten, dann hieß das, dass die Kinder in der Lüge erzogen worden sind. Denn die Eltern durften zu Hause nicht darüber reden, was sie den ganzen lieben langen Tag treiben, geschweige denn, dass die Kinder mal ihre Eltern, was in der DDR ziemlich üblich war, mal auf der Arbeit besuchen kamen. Da wurde also befehlsmäßig am Abendbrottisch geschwiegen und gelogen, und die Kinder wiederum durften auch nicht gegenüber Freunden, egal ob deren Eltern bei der Stasi waren oder nicht, oder Schulkameraden über die Tätigkeit ihrer Eltern reden. Da wurde ja auch nicht gesagt, die sind bei der Stasi, sondern die waren Angestellte im Ministerium des Inneren. Wenn die in Urlaub gefahren sind, durften die nicht darüber reden. Also ein wichtiger Lebensbereich, ein wichtiger Alltagsbereich ist in diesen Familien einfach beschwiegen worden, und da kann man sich schon vorstellen, dass man aus dieser Nummer nicht besonders gesund heraus kommt.

Pokatzky: Ilko-Sascha Kowalczuk, herzlichen Dank. Ihr Buch "Stasi konkret. Überwachung und Repression in der DDR" ist im Verlag C.H.Beck erschienen mit 428 Seiten und kostet 17,95 Euro.


Tschüs!

Kowalczuk: Tschüs! Haben Sie vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


RADIOFEUILLETON: 11.03.2013 · 15:07 Uhr


© 2013 Deutschlandradio

....des Audio Interview mit Ilko-Sascha Kowalczuk


Quelle: http://www.dradio.de



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Tom Moak

16.03.2013, 18:43

@ Tom Moak
 

Streit um Stasi-Forschung Der IM, der keiner war

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Streit um Stasi-Forschung Der IM, der keiner war

13.03.2013 15:02 Uhr

von Christian Booß

Wer ist als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi zu bewerten - und wer nicht?
Das jüngst erschienene Buch des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk
"Stasi konkret" hat eine heftige Kontroverse ausgelöst .

Unser Autor, wie Kowalczuk bei der Stasiunterlagenbehörde beschäftigt,
setzt sich kritisch mit dessen Thesen auseinander.

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Die Hinterlassenschaft. 11 Kilometer aneinander gereihte Akten, darunter
zahllose Spitzelberichte, hat die Stasi in ihren Archiven gehortet.

Foto: dpa

Mit seinem Buch "Stasi konkret" stellt Ilko-Sascha Kowalczuk, Mitarbeiter der Forschungsabteilung der Stasiunterlagenbehörde, grundlegende Ansätze der Forschung zum Phänomen Staatssicherheit infrage. Insbesondere sein Zweifel an der bisherigen Kategorisierung der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) und die Mahnung, die eigentliche Verantwortung der SED nicht aus den Augen zu verlieren, werden in der Behörde selbst, aber auch in Wissenschaftlerkreisen darüber hinaus breit diskutiert. Ein anderer Wissenschaftler der Jahn-Behörde, Christian Booß, setzt sich im folgenden Beitrag kritisch mit Kowalczuks Thesen auseinander.

Dieser Beitrag wurde dem Tagesspiegel freundlicherweise von der Redaktion der Aufarbeitungszeitschrift "Horch und Guck" vorab zur Verfügung gestellt, die im nächsten Heft Nr. 79 I/2013 eine Debatte zum Thema "Verharmlosung" dokumentieren wird.

Die umstrittene Botschaft von Ilko-Sascha Kowalczuk lautet, dass die Zahl der bösen Stasi-IM bei weitem nicht so hoch sei, wie bisher angenommen, sondern um knapp die Hälfte reduziert werden müsse: 109.000 statt 189.000 (S. 232).

Die Stasi wird demnach „überschätzt“. Das Ganze ist die Ouvertüre zur Vermarktung des Buches. Ewiggestrige und DDR-Nostalgiker werden sie gerne hören, selbst wenn das nicht die Intention des Autors gewesen sein mag.

Mit derartigen Enthüllungen sind wir wieder bei den Zahlen gelandet, die das MfS/AFNS dem runden Tisch präsentierte, als es Offenheit demonstrieren und gleichzeitig den Bürgerzorn eindämmen wollte.

In "Stasi konkret" wird unterstellt, die Zahlen seien künstlich hochgerechnet worden, "hineinaddiert" heißt es in Medienberichten, um das Phänomen Stasi zu dämonisieren.

Wie war das in Wirklichkeit, beispielsweise bei den West-IM? In den neunziger Jahren gab es Hochrechnungen, die von 20.000 West-IM oder sogar mehr ausgingen. Die Spionage-Abteilung hatte ihre Akten weitgehend vernichtet, es musste mit (wie wir heute wissen) problematischen Hilfskonstruktionen gearbeitet werden. Dann gaben die USA neue Quellen, die sogenannten "Rosenholz"-Daten, frei. Auf Basis dieser Quellen wurden rund 1500 West-IM errechnet. Diese Zahl beruht unter anderem auf den sogenannten Statistik-Bögen der Spionageabteilung, die den Stand für Dezember 1988 abbilden. Es sind Kurzviten von Einzel-Agenten, die man auch noch in Verbindung zu anderen Karteikarten und Datenbankeinträgen, teils auch Akten verifizieren und aufhellen kann. Bei allen Schwächen, die auch diese Quellen haben - wie gesagt, die meisten Akten sind vernichtet - handelt es sich bei der Zahl um eine skrupulöse Einzelfallauszählung, eine statistisch sehr konservative Berechnung. Denn es ist bekannt, das die USA bisher (leider) gar nicht alle Statistikbögen zurückgegeben haben. In "Stasi konkret" wird behauptet, diese Zahl der West-IM sei durch eine "Hochrechnung" oder gar "allein auf einer Schätzung" basierend (S.230) entstanden. Es wird suggeriert, sie sei aus den Verdachts-Ermittlungsstatistiken der Bundesanwaltschaft abgeschrieben. Mithin, diese Zahl sei "wissenschaftlich haltlos" und "unseriös" (S.232). Wer angesichts der wirklichen Zusammenhänge so formuliert, muss sich fragen lassen, ob er selbst das richtige Augenmaß hat.

Auch die Hochrechnung von rund 13.000 DDR-IM der HVA greift der Autor an. Er ist der Auffassung, sie könne nicht stimmen, da die verhältnismäßig kleine Schar der HVA-Operativ-Offiziere so viele IM gar nicht hätte führen können (S. 233 f.). Er suggeriert damit, dass diese 13.000 IM bislang als reguläre West-Spione eingestuft worden wären. Dergleichen ist aber gar nicht behauptet worden. Die DDR-Basis der HVA bestand ganz überwiegend aus Logistik-Helfern. Viele haben nichts weiter getan, als ihren Briefkasten als Deckadresse zur Verfügung zu stellen. Nur ein kleiner Teil aus dieser Zahl war als Werber, Instrukteur, Kurier semiprofessionell in der Bundesrepublik unterwegs. Nur diese Zahl von 13.000 IM basiert überhaupt auf Hochrechnungen, die kompliziert sind, aber auch auf Quellenindizien und auf Aussagen von mit diesen Fragen befassten HVA-Offizieren. Insgesamt besagt sie aber nicht mehr, als dass es eines erheblichen logistischen Aufwandes bedurfte, um aus der DDR heraus Agenten im Westen zu führen. "Stasi konkret" bauscht hier auf, um die Zahlen dann "widerlegen" zu können.

In "Stasi konkret" werden auch - im Wesentlichen altbekannte - MfS-interne Statistiken präsentiert, um ganze Gruppen von Stasi-Helfern, vor allem IMK (Inoffizielle Mitarbeiter für konspirative Wohnungen) und GMS (Gesellschaftliche Mitarbeiter Sicherheit) sowie angebliche Doppelzählungen aus der Statistik herauszurechnen. Warum es zahlreiche Statistiken vor allem aus den einzelnen Dienstbereichen des MfS gibt, die die Kategorien GMS und IMK einbeziehen, erklärt "Stasi konkret" nicht. Offenbar dienten die Statistiken unterschiedlichen Zwecken. Die Bereichsstatistiken weisen aus, wie das MfS seine Arbeitspotenzen außerhalb des eigentlichen MfS-Apparates informell in die Gesellschaft hinein vergrößerte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Dass dieses Unterstützungspotenzial höchst unterschiedlich war, ist seit langem bekannt. Experten haben immer gemahnt, den Einzelfall genau zu betrachten. Bei der Überprüfung im öffentlichen Dienst wurde nach älteren Erkenntnissen nur weniger als die Hälfte, aus heutiger Sicht schätzungsweise ein Drittel der formal Stasi-Belasteten ausgesiebt, was für einen konsequenten Personalwechsel mit Augenmaß spricht.

Das Gebot zu differenzieren, ergibt sich teilweise schon aus der Stasi-Definition. Dass jemand, der dem MfS eine Wohnung für konspirative Treffen zur Verfügung stellt, normativ nicht primär als Informant dient, ergibt sich aus der Sache selbst. Aber umfassende Stichproben der Behörde zeigten, dass auch nicht wenige IMK zusätzlich Informationen lieferten. Die Wohnungsleihgabe stand überdies nicht selten am Anfang oder am Ende einer Informantenkarriere.

Dass IMK großenteils doppelt gezählt wurden, wie behauptet wird (S.226), müsste genauer belegt werden. Das System des MfS war nämlich gegen Doppelerfassungen gut gesichert. Um einen IM zu erfassen, musste ein Offizier über seinen Vorgesetzten einen Antrag bei der Archiv-Abteilung XII stellen. Diese prüfte in der Zentralkartei, ob schon eine Erfassung vorlag. Nur wenn das nicht der Fall war, bekam der Offizier Formulare und Aktendeckel, die es ihm erlaubten, einen IM-Vorgang überhaupt anzulegen und zu führen. Dieser kleinteilige Formalismus des MfS war eine sehr wirksame Methode, um in einem großen Apparat Doppelerfassungen auszuschließen.

Es fragt sich ohnehin, ob der Autor, der konspirative Wohnungen ohne IM gefunden hat, nicht konspirative Objekte, die das MfS direkt anmietete, und IMK verwechselt hat. Unbeschadet der Statistik gibt es tausende IMK-Akten, in denen sich natürliche Personen zur konspirativen Wohnungsleihgabe bereit erklärt haben. Sie taten dies oft auch mit Unterschrift und Verpflichtungstext. Ohne diese Personen hätte der MfS-Apparat gar nicht seine Aufgaben hinter dem Rücken der Bevölkerung erfüllen können, denn in diesen Wohnungen fanden zumeist die heimlichen Treffen mit Informanten statt. Es fragt sich überdies, ob hier nicht ein interessanter Typ eines angepassten Stasi-Mitläufers vorliegt. Er ist am Großen und Ganzen beteiligt, ohne (sogar weniger noch als der Informant) überhaupt Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, weil er gar ich weiß, was sich in den vier Wänden abspielt. Man sollte diesen Typ genauer beschreiben, statt ihn statistisch auszubuchen.
Warum der GMS nicht aus der IM-Kategorisierung ausgebucht werden sollte

Der Gesellschaftliche Mitarbeiter Sicherheit (GMS) war der Stasi-Definition zufolge ein systemnaher Informant. In "Stasi-konkret" wird er als „parteiloyaler Denunziant“ (S. 222) bezeichnet. Es wird argumentiert, dass es jenseits der GMS weitere Personen in den Institutionen gegeben habe, die mit dem MfS kollaborierten. Der Begriff des "Denunzianten" ist in diesem Kontext unglücklich. Wenn eine Person so systemnah war, dass sie qua Beruf oder Funktion berichtete, ist das mit der klassischen Rolle des Denunzianten nicht gut beschrieben. Eine Informantenfunktion, die auch informellen, also nicht offen sichtbaren Charakter trug, ist allerdings im Grundsatz gegeben. Warum diese Gruppe also pauschal ausbuchen? Die Gesetze der Logik scheinen geradezu auf den Kopf gestellt. Müsste nicht konsequenterweise umgekehrt gefragt werden, ob auch andere zur Gruppe der informellen Informanten des MfS hinzugerechnet werden sollten, die gar nicht in den klassischen Stasi-Kategorien erfasst sind? Dies müsste doch die Schlussfolgerung sein, gerade wenn man die an sich richtige Forderung erhebt, sich von den MfS-Terminologien nicht beherrschen zu lassen.

Der Autor von "Stasi konkret" hat bisher nicht mit Publikationen zur Geheimdienstforschung von sich Reden gemacht. Er hat vor allem als Oppositionsforscher beachtete Arbeiten zu krisenhaften Bewegungen in der DDR-Geschichte verfasst. Die Opposition war im Dauerclinch mit dem MfS, und das hat den Autor möglicherweise anfällig dafür gemacht, selbst zu sehr der Stasi-Perzeption zu folgen.

Die Überwachung wird nämlich vor allem an Hand von Operativen Vorgängen exemplifiziert, die die Stasi-Haudegen selbst als Krönung ihrer geheimpolizeilichen Arbeit ansahen. Nur: Solchen Überwachungsformen waren weniger als 0,5 Prozent der Bevölkerung ausgesetzt. Dagegen wurden seit Mitte der siebziger Jahre Methoden eines Massenscreenings eingeführt, die für über die Hälfte der Bevölkerung Spuren in Karteien, Datenbanken und Ablagen hinterließen.

Diese Massenüberprüfungen basierten nur noch zum Teil auf der klassischen IM-Spitzelei. Das MfS zapfte Polizisten, Verwaltungsmitarbeiter, Feuerwehrleute, Polizeihelfer, Hausgemeinschaftsleitungsmitglieder, Hausbuchführer, ganz normale Nachbarn, Leitungspersonal in Betrieben und staatlichen Einrichtungen, Nomenklaturkader und viele andere an, um den Informationsbedarf befriedigen zu können. Dieses Phänomen ist unzureichend erforscht, aber Indizien sprechen dafür, dass hier ein nennenswertes, nicht zu unterschätzendes Bevölkerungspotenzial jenseits der IM in den Blick genommen werden muss.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Deren Beitrag war höchst unterschiedlich und reicht von der punktuellen Abschöpfung bis zur professionell geschulten Spitzelei. Allerdings wusste doch jeder, welchem Staat er Hilfestellungen gab. Insofern muss dieses Potenzial im Kontext des Komplexes von Denunziation, Informationsgewinnung und sozialer Kontrolle gesehen werden. Die erheblich gewachsene Zahl der Stasimitarbeiter verzahnte sich in dieser Zeit systematisch mit Funktionsträgern in anderen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und staatlichen Bereichen des SED-Staates.

Es scheint, dass dieses System durchaus für das Land an der Systemgrenze spezifisch ist. Aus wirtschaftlichen und außenpolitischen Gründen nahmen die Ost-West-Kontakte immer mehr zu, die aus der Sicht der Klassenpolitik eigentlich nicht sein sollten. Der Kompromiss war, dass das MfS die Ressourcen bekam, den Ost-West-Kontakten hinterher zu recherchieren. Es ist eine spannende Frage, ob dieses absurde Hase- und Igel-Spiel nicht zu einer Ausweitung bei gleichzeitiger Verflachung der Stasi-Überwachung geführt hat, die die DDR-Bevölkerung bis hinein in an sich loyale Schichten schließlich nur noch "genervt" hat. Die Entspannungstheorie würde somit auf paradoxe Weise bestätigt. Sie verstärkte (was in der Theorie nicht vorgesehen war) die Repression, begünstige damit aber den Untergang. Dies würde auch erklären, warum sich 1989 der Protest in der DDR, ganz anders als in den Staaten Ostmitteleuropas, dermaßen stark gegen die Stasi gerichtet hat. Dies könnte auch erklären, warum bis heute tausende ehemalige DDR-Bürger ihre Stasi-Akten einsehen wollen und in großen Teilen auch Substanzielles bekommen. Auch dies ist eine Besonderheit, die es in ostmitteleuropäischen Staaten so nicht gibt.

Zu diesen substanziellen Veränderungen des MfS-Überwachungssystems finden sich in "Stasi konkret" nur wenig konkrete Ansatzpunkte. Darin, weniger in den Zahlenspielereien liegt die eigentliche Verharmlosung der "Überwachung und Repression". Die Akzentuierung der Zahlenakrobatik erscheint als Versuch des Verlages, das Buch mit einer marktgängigen These zu popularisieren. Während den Marketingstrategen vor zehn Jahren noch das Narrativ der Dramatisierung lohnend erschien, scheint heute das Narrativ der Entdramatisierung marktgängig zu sein. Während vor gut zehn Jahren die unterwanderte (Bundes-)Republik auf dem Verlagsprogramm stand, ist nun die angeblich nur noch halbunterwanderte DDR angesagt.

Derartige Publikationsstrategien sind vielleicht geeignet, Auflagen zu steigern, aber am Gang der Forschung wird das letztlich wenig ändern. So wird es auch in diesem Falle sein. Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter.




Quelle: http://www.tagesspiegel.de

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